Wenn Bengel die Schulbank drücken

Wenn Bengel die Schulbank drücken

MALBORN. (red) In unserer Reihe "Dorfgeschichten" berichtet TV-Leser Hermann Arend aus Malborn über den höchst ungewöhnlichen Schulbesuch eines Freundes.

"Er darf sich nicht soviel von seinem Nachbarn ablenken lassen, er ist sonst ein braver, aufmerksamer und fleißiger Junge" - diese Formulierung im ersten Zeugnis meiner Schullaufbahn lässt Erinnerungen an die längst vergangene Jugendzeit wach werden. Der Hinweis auf den quirligen Banknachbarn hatte allerdings eine besondere Vorgeschichte. Der besagte Störenfried und meine Person waren im Dorf schon seit "Windelzeiten" miteinander verbunden und längst als zwei Lausbuben berühmt und berüchtigt. Ob irgendwo im Dorf eine Scheibe zerbrach, Eier aus Hühnerställen entwendet wurden, oder sich Jauchefässer plötzlich entleerten, irgendwie führte immer eine Spur zu den beiden Bengeln, so dass der Dorfpfarrer sie schon in ihren frühen Jahren als "Max" und "Moritz" titulierte. Das ganztägige Herumtollen im Vorschulalter nahm allerdings für mich ein vorläufiges Ende, als ich im April 1961 eingeschult wurde. Der besagte Freund war ein Jahr jünger und schien nun zur Untätigkeit verdammt zu sein. Nach den ersten Schultagen tauchte er plötzlich auf - ausgestattet mit Schulranzen und entsprechenden Schulutensilien - und ging mit in den Klassenraum des 1. und 2. Schuljahres. Selbstverständlich nahm er neben mir Platz. Die Lehrerin war zwar verwundert, einen neuen Schüler vor sich zu haben, ließ ihn aber am Unterricht teilnehmen, wohl in der Hoffnung, dies bliebe eine Episode. Weit gefehlt! Treu und redlich schritt der "wilde Knabe" mit mir jeden Morgen in die Schule und partizipierte ernst am Unterricht. Bald besaß er auch die notwendigen Schulbücher, lernte Lesen und Schreiben und wurde schon fast als integraler Teil der Klasse betrachtet. Dass er sich mit mir in von der Lehrerin unbeobachteten Momenten auch stritt und fetzte, gehörte bald zum Schulalltag. Das gegenseitige "Hauen und Stechen" fand nach der Schule in der Regel seine Fortsetzung. Bei diesen Kampfszenen war auch dem im Zeugnis zitierten "braven Jungen" nicht mehr viel von seiner Bravheit anzumerken. So zog sich der gemeinsame Schulbesuch über Monate hin. Erst nach mehr als einem halben Jahr wurde dieses selbstlose Lernen durch die Intervention von Eltern neu einzuschulender Kinder beendet. Ob überhaupt in schulrechtlicher Sicht eine Versetzung in die nächste Klasse möglich gewesen wäre, mag dahingestellt bleiben, auf jeden Fall verfügte der betreffende Kamerad über ein fundiertes Eingangswissen im neuen Schuljahr. Dass die Jungenstreiche nach der offiziellen Einschulung des besagten Freundes zurückgingen, ist allerdings eine Mär, die Lausbubereien gewannen nur eine andere Qualität. Hermann Arend ist Vorstandsmitglied des Kulturgeschichtlichen Vereins Hochwald und Redakteur der Vereinszeitschrift "Der Schellemann". Wenn auch Sie eine historische Anekdote kennen oder zu einem historischen Ereignis eine persönliche Geschichte zu erzählen haben, schreiben Sie unter dem Stichwort "Dorfgeschichten" mit Namen, Adresse und Telefonnummer an die E-Mail-Adresse mosel@volksfreund.de. Wichtig ist, dass Ihre Geschichte höchstens 60 Druckzeilen (à 30 Anschlägen) umfasst.

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