Wenn der Zaubertrank zum Gift wird

Wenn der Zaubertrank zum Gift wird

Serie "Raus!" zum Thema Aussteiger: Peter Augustin* ist Alkoholiker. Immer wieder bleibt er trocken, immer wieder kommt der Rückfall. Der Schnaps hat ihn vom schüchternen Jungen in einen Straftäter verwandelt. Er macht einen letzten Versuch, die Sucht zu besiegen.

Bitburg Als Peter Augustin sein erstes Bier trinkt, ist er 14 Jahre alt. Damals ahnt er nicht, dass das einer jener Momente ist, die ein ganzes Leben verändern. Seine Eltern sind nicht zu Hause. Das ist die Chance, denken sein Bruder und er. Sie gehen zum Kühlschrank, holen ein Bier heraus. Peter will wissen, warum der Stiefvater so viel trinkt, warum er ständig benebelt sein will. Also öffnen die Brüder die Flasche und teilen sie, Schluck für Schluck. Es hinterlässt einen bitteren Geschmack auf der Zunge, aber eine wohlige Wärme im Bauch."Mir hat es gleich gefallen", sagt der 55-Jährige heute, "zu sehr". Damals hat er mit dem Trinken angefangen. Aufgehört hat er seitdem mehrere Male, zuletzt im November des vergangenen Jahres. Augustin möchte aussteigen, raus aus dem Teufelskreis der Sucht - "Ich glaube nicht, dass ich es schaffe", sagt er, "ich hab es vor, aber den Glauben hab ich verloren." Alkoholiker, sagt er, sei man immer. Das ist die Geschichte, wie er einer wurde: Die Jugend: Es sind die wilden 1970er Jahre: Discos eröffnen, Frauen tragen Minirock, Männer Schlaghosen. Drogen und Alkohol sind auch für Jugendliche leicht zu bekommen. Aber der junge Augustin ist schüchtern, eher Einzelgänger als Partylöwe. Mit 15 Jahren traut er sich kaum, ein Mädchen anzusprechen. Es sei denn: er trinkt. Der Alkohol ist für den Jugendlichen ein Zaubertrank, der ihn in einen anderen Menschen verwandelt: Auf einmal kann er tanzen, flirten, die Frauen zum Lachen bringen. Doch wenn er morgens wieder in seinem Kinderzimmer aufwacht und die Wirkung verflogen ist, kriecht ihm die Angst in die Brust. Er fängt an, vor Dates zu trinken - warum sollten die Mädchen ihn auch mögen, wenn er nüchtern ist, wenn er kaum den Mund aufbekommt? Bald genehmigt er sich auch auf der Arbeit das eine oder andere Bier. Der gelernte Stuckateur sagt über die Stimmung damals: "Wer auf dem Bau nicht gesoffen hat, war kein richtiger Mann." Und so trinkt er immer öfter, braucht immer mehr, um in den Rausch zu verfallen. Der Alltag: Heute fällt es schwer, in dem 55-Jährigen den schüchternen Jungen von damals zu erkennen. Augustin wirkt wie ein Draufgänger: Dreitagebart, Tätowierung am Arm, aufgeknöpftes Hemd, Ohrring. Die Augen: dunkle Abgründe, die Stimme: rau und tief vom Rauchen. Das ist seine Ablenkung im Wohnheim Alte Gerberei am Zentralen Omnibusbahnhof Bitburg (Siehe Info): das Rauchen und das Internet. Auf seinem Handy spielt er Online-Poker, Skat und Schach, "um das Gehirn in Gang zu halten". Lange sei es ja kaum benutzt worden, sagt er, ein verkümmerter Muskel. "Wegen der Sauferei" könne er sich nicht mehr alles merken. Seit Jahren habe er kein Buch gelesen und Angst, es zu versuchen. Angst, dass er zehn Seiten lese und sich nur zwei behalte. Gesundheitliche Probleme habe er davon abgesehen kaum: Eine Fettleber, ja, das sei normal. Aber sonst? "Der Arzt sagt immer, ich hab' neun Leben." Bei so vielen Rückfällen ist es schwer zu sagen, das wievielte Augustin gerade lebt. Jedenfalls ist es nun eines mit einem strukturierten Tagesablauf: Er steht morgens früh auf, dann arbeitet er in der Küche, schneidet Kartoffeln, spült Teller, deckt Tische. "Es sind simple Arbeiten, aber ich weiß wenigstens, wofür ich aufstehe", sagt er. Lange Zeit wusste er das nicht: DerRausch: Noch im Sommer 2016 wacht Augustin jeden Morgen betrunken auf - ob bei Freunden, zu Hause, im Stadtpark oder auf einer Mauer. Mehr als einen Liter Cognac trinkt er am Tag, kein Bier mehr, weil er die Wirkung kaum noch spürt. Gelegentlich raucht er Gras, zieht eine Nase Amphetamin. Aber der Alkohol bleibt für ihn "Droge Nummer eins". Ganze Tage bleiben im Nebel, Löcher in der Erinnerung. Was er getan hat, wenn er mal wieder ein Blackout hatte, erfährt er manchmal erst Wochen später. Wenn er schon wieder betrunken am Steuer saß, sich geprügelt, seine Freundin betrogen oder sein Geld verspielt hat. Einmal wacht er auf und es fehlen 7000 Euro von seinem Konto. Am Abend zuvor hat er sie am Roulettetisch verzockt. Ein paar Schnaps später, war es ihm schon wieder egal, wie er sagt. "Wenn ich besoffen war, war ich unantastbar", sagt er. Und das ist es auch, was er am meisten vermisst hat, damals, 1997, als er das erste Mal für lange Zeit trocken war: "die grenzenlose Freiheit".Die Abstinenz: Acht Jahre lang schafft es Augustin, keinen Tropfen Alkohol anzurühren. Er macht mit 38 den Meister, schließt als Bester seines Jahrgangs ab. Zusammen mit seinem Bruder baut er eine Firma auf, heiratet, kauft zwei Häuser und einen Mercedes. Und dann, 2004, kommt sie in sein Leben: Er lernt die zehn Jahre jüngere Brasilianerin im Bordell kennen. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt er. Er trennt sich für sie von seiner Frau, sie hört auf mit dem Anschaffen und zieht bei ihm ein. Doch was er zunächst nicht wahrhaben will: Sie ist wie er. Sie ist eine Alkoholikerin. Immer öfter kommt sie betrunken von Partys nach Hause. Er kann es nicht mehr ertragen. Bis es eines Nachts eskaliert. Er schreit sie an, sie wirft mit Stühlen. Dann läuft er aus dem Haus zur Tankstelle. In seinem Kopf nur noch ein Gedanke: Alkohol. Der Rückfall: Er kauft zwei Flaschen Cognac und "beamt sich weg", wie er sagt. Es ist sein erneuter Einstieg in die Sucht. Danach wird sie schlimmer denn je: Die zwei Flaschen braucht er bald täglich.Sein Bruder schmeißt ihn aus der Firma, weil die Rechnungen nicht mehr stimmen, weil er Kunden anpöbelt. Danach, arbeitslos, besteht Augustins einzige wöchentliche Aufgabe darin, sich Nachschub zu besorgen. "Mich aufzuraffen das Zeug zu kaufen - das war das Schlimmste." Und da geht auch das ganze Geld hin - direkt vom Konto in den Magen. Bei seinen Exzessen, Casino- und Bordellbesuchen ist das Vermögen schnell verprasst. Und bald erkennen auch die Leute im Supermarkt ihn kaum wieder - den angesehenen Geschäftsmann, der er einst war. Unrasiert, mit fettigem Haar und aufgedunsenem Gesicht, schiebt er den Einkaufswagen vor sich her. "Du siehst zum Kotzen aus", sagt ihm ein Bekannter. Aber die Wahrheit tut nicht weh, wenn er betrunken ist. Der Wandel: Erst nach der Entgiftung - er hat einige davon hinter sich - kommt die Scham. "Ich kann dann für Wochen niemanden in die Augen schauen", sagt er. Heute geht das wieder. Sein Blick ist stark. Immerhin trinkt er seit Monaten nicht. Und das habe er auch der Einrichtung zu verdanken. Dabei ist er zu Anfang gar nicht freiwillig hierher gekommen. Wegen diverser Straftaten, die er "im besoffenen Kopp" begangen hat - von Körperverletzung bis zu Trunkenheit am Steuer - hat das Gericht ihn zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Um dieser Strafe zu entgehen, hat er sich entschieden, für ein Jahr seinen Entzug im Bitburger Wohnheim zu machen. Heute sagt er: "Ich würde auch nicht gehen, wenn ich dürfte." Ob er hier Freunde hat? "Bekannte", sagt er bestimmt: "Echte Freunde gibt es nicht - weder drinnen, noch draußen." Die wenigen, die er hatte, seien längst tot: Leberversagen, Leberzirrhose. Aber es gebe hier Leute, mit denen er gute Gespräche führen könne. Er glaubt trotzdem, dass höchstens zehn Prozent von ihnen es schaffen werden, die Sucht zu besiegen. Er weiß nicht mal, ob er das selbst schafft - endgültig auszusteigen. Wie zerbrechlich seine neu gewonnene Trockenheit ist, zeigt der jüngste Rückfall. Der Absturz: Ausgerechnet beim Trinken lernt der 55-Jährige seine neue Freundin kennen. Jetzt leben sie beide im Wohnheim, im selben Zimmer. Als er bemerkt, dass sie einen Flachmann in die Einrichtung geschmuggelt hat, kommt es zum Streit. Sie schmeißt ihn raus, er "reagierte wie ein Kind". Wieder geht er zur Tankstelle, wieder kauft er zwei Flaschen, wieder Cognac. Auf den Kater am Morgen folgt die Entgiftung in Gerolstein.Die Zukunft: Seitdem habe er keinen Tropfen angerührt. Er weiß: "Wenn ich wieder anfange, heißt das, ich habe mich aufgegeben." Doch das hat er nicht vor. Schon Ende des Jahres will er zusammen mit seiner Freundin aus dem Wohnheim ausziehen - zunächst mit ambulanter Hilfe. Dann kommt regelmäßig eine Betreuerin vorbei, die nachschaut, wie es den beiden geht. Ohne Hilfe, sagt er, traue er sich den Weg zurück in den Alltag nicht zu. *Name von der Redaktion geändertChristian Altmayer (26) denkt seit dem Gespräch mit dem Protagonisten dieser Geschichte häufiger über sein eigenes Trinkverhalten nach. Extra: DREI FRAGEN AN EINEN AUSSTEIGER

Wie tickt jemand, der eine Welt verlässt und in eine neue eintritt? Der TV stellt den Aussteigern der Serie Raus! drei Fragen: Was würden Sie tun, wenn Sie 50 Euro auf der Straße finden würden? Ich würde es für mein Internetguthaben auf dem Handy ausgeben. Online-Poker und Online-Schach sind meine einzige Ablenkung hier. Die 110 Euro, mit denen ich im Wohnheim auskommen muss, investiere ich nur in Tabak und mein Handy. Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang König von Deutschland wären? Urlaub machen, vielleicht am Meer. Ich habe kein Interesse daran, jemanden zu regieren. Was soll auf Ihrem Grabstein stehen? Nichts. Ich glaube nicht an Gott, und Hinterbliebene wird es keine geben.Extra: VON DER SUCHT IN DEN ALLTAG

Das Wohnheim "Alte Gerberei" am Bitburger Omnibusbahnhof ist seit 2001 eine Anlaufstelle für Suchtkranke. Träger der Einrichtung ist die Arbeiterwohlfahrt. Menschen, die an Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit leiden, können hier leben, essen und arbeiten. Sie sollen durch einen geregelten Tagesablauf wieder zurück in einen selbstbestimmten Alltag finden. Aktuell sind 34 Menschen dort in Einzel- und Doppelzimmern untergebracht. Sie alle sind freiwillig im Wohnheim - manch einer - wie Augustin - macht den Entzug aber, um nicht ins Gefängnis zu müssen.Extra: RAUS! GESCHICHTEN VOM AUSSTEIGEN

Foto: (e_eifel )
Foto: (e_eifel )

Ob sie freiwillig gehen oder keine andere Wahl haben: Manche Menschen steigen aus. Sie verlassen andere Menschen oder Situationen. Sie ändern ihre Lebensumstände - mal mehr, mal weniger radikal. Und manche werden verlassen. In ihrer neuen Serie erzählen die Volontäre des Trierischen Volksfreundes die Geschichten dieser Menschen. Alle Beiträge zum Thema finden Sie online unter <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/raus" text="www.volksfreund.de/raus" class="more"%>