Wenn die Seele Hunger hat

Essstörungen - immer noch ein Tabu und eine häufig unterschätzte Sucht. Dabei treten Essstörungen vermutlich häufiger auf als Probleme mit Alkohol. Caritas und die Selbsthilfe Kontaktstelle Trier laden Betroffene, Angehörige und Interessierte zu einem Infoabend ein. Das Ziel: Die Gründung einer Selbsthilfegruppe.

Wittlich. Beate ist 15, extrem schlank und immer in Bewegung. Falls sie etwas isst, zählt sie akribisch die Kalorien. Mit ihrem Zwiebel-Look versucht sie, ihre dünnen Arme und Beine zu kaschieren.

"Von Essstörung Betroffene sind überall"



Beate ist magersüchtig — und fiktiv. Doch ihr Problem ist weit verbreitet. Die Zahl der Essgestörten liegt — je nachdem auf welche Experten man sich beruft — zwischen drei und fünf Millionen. Zum Vergleich: Die Zahl der Menschen mit Alkoholproblemen wird auf 2,5 Millionen geschätzt. Überwiegend Mädchen und Frauen leiden an Esssucht, doch immerhin zehn Prozent der Magersüchtigen sind männlich.

"Betroffene sind überall, doch das Thema Essstörung ist immer noch ein Tabu-Thema", sagt Margit Spartz von der Fachstelle für Suchtprävention der Caritas im Kreis Bernkastel-Wittlich. Deshalb war es ihr und ihrer Kollegin Christel Krieger von der Suchtberatung ein besonderes Anliegen, dass sich eine Selbsthilfegruppe zum Thema Essstörungen gründet.

Zu den Essstörungen gehören neben der Magersucht die Ess-Brech-Sucht (Bulimie), der Hang zu phasenweisen Heiß-Hunger-Attacken (Binge Eating Disorder) sowie die Fettleibigkeit (Adipositas). Diesen vier Formen der Sucht ist gemeinsam, dass die Betroffenen mit Essen beziehungsweise Nicht-Essen versuchen, Schwierigkeiten zu bewältigen, von denen sie glauben, sie nicht anders lösen zu können. Krieger: "Die Therapeuten sprechen von seelischem Hunger nach Angenommensein, nach Konfliktfähigkeit oder anderen Dingen." Dieser Hunger werde ignoriert und das Problem über den Körper ausgetragen.

Die Ursachen von Essstörungen sind äußerst vielfältig. Ein Mangel an Selbstwertgefühl spielt dabei oft eine Rolle. Ansprüche von außen wie "Du musst erfolgreich sein. Du musst Sieger sein" können die Krankheit begünstigen ebenso wie das überall präsente Schönheitsideal des absolut schlanken Menschen. Die Folgen einer Essstörung sind häufig fatal. Zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an ihrer Sucht. Bulimiker zerstören ihre Zähne durch das ständige Erbrechen. Kalziummangel führt zu brüchigen Glasknochen.

Ein großes Problem bei der Therapie der Esssucht: Sie zu verheimlichen gehört zum Charakter der Störung. Deshalb wird Aufklärung bei der Caritas groß geschrieben. Spartz und Krieger ermutigen Angehörige und Freunde von potenziell Betroffenen, diese auf das Thema anzusprechen. Die Besorgten sollten sagen, was ihnen auffällt und auf Hilfsmöglichkeiten wie die Suchtberatung der Caritas hinweisen. Krieger: "Es bedarf oft eines großen Drucks, um die Esssüchtigen zur Einsicht zu bewegen. Doch die Einsicht ist ein erstes Feuer, das geschürt werden muss."

Selbsthilfegruppe als wichtiger Baustein



Bei der Suchtstelle der Caritas werden Lösungsmöglichkeiten zusammen mit den Betroffenen gesucht. Dazu gehören ambulante oder stationäre Therapien.

Eine Selbsthilfegruppe kann ebenfalls wichtiger Baustein sein. Dort machen die Betroffenen die elementare Erfahrung, nicht allein zu sein mit ihrem Problem und können von anderen Essgestörten lernen.

Die Caritas und die Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle Trier (Sekis) laden Betroffene, Angehörige und Interessierte zu einem Infoabend zum Thema "Essstörungen" am Mittwoch, 1. Oktober, um 19 Uhr in die Caritas-Geschäftsstelle Wittlich (Kurfürstenstraße 6) ein. Referentinnen sind Christel Krieger und Margit Spartz von der Caritas-Beratungsstelle. Ziel der Veranstaltung ist es, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Zwecks Planung wird um Rückmeldung gebeten bei Caritas, Telefon 06571/91550, Sekis, Telefon 0651/141180 oder per E-Mail: essstoerungbkswil@arcor.de.