Wenn Maria und Josef in die Jahre kommen

Wenn Maria und Josef in die Jahre kommen

Wenn im Alten- und Pflegeheim St. Anna Morbach Weihnachten gefeiert wird, dann ist das mehr als nur traditionelle Besinnlichkeit. Das Fest ruft bei manchem Heimbewohner Erinnerungen an Kindheit wach - selbst bei fortgeschrittener Demenz. Höhepunkt ist auch in diesem Jahr das Krippenspiel, das die betagten Schauspieler aufführen.

Morbach. Es ist mucksmäuschenstill, als Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm und Josef an ihrer Seite in den Saal des Alten- und Pflegeheim St. Anna einziehen. Rita Day (69) ist in ein rotes Gewand gehüllt und hat ein weißes langes Kopftuch um Kopf und Schulter geschlungen. Sie spielt beim Krippenspiel die Maria. Im Arm hält sie das in Windeln gewickelte Jesuskind, eine Puppe. Manfred Pink (77) ist der Josef mit Mantel, Hut und Stecken.

Individuelle Geschenke


Das feierliche Theaterspiel, bei dem die Bewohner, die allesamt zwischen 64 und 99 Jahre alt sind, gehört jedes Jahr zum Höhepunkt des Weihnachtsfestes. 72 Heimbewohner zählt das Alten- und Pflegeheim St. Anna in Morbach. "Dieses Krippenspiel musste wegen der altersbedingten Beeinträchtigung immer wieder geprobt werden", erklärt Heimleiterin Alice Kunz. Solche Veranstaltungen, seien enorm wichtig für das Selbstwertgefühl der Senioren: "Sie haben ein Ziel, auf das sie hinarbeiten, und das Gefühl, immer noch gebraucht zu werden", sagt Kunz. Zudem diene das Theaterspiel dazu, den Gemeinschaftsgeist zu fördern und das Gedächtnis zu trainieren, denn die Darsteller müssen für das Krippenspiel ihren Text lernen und wieder abrufen.
Hildegard Simon hat die Rolle des Engels übernommen. Die 87-Jährige überbringt den drei Weisen aus dem Morgenland die Frohe Botschaft von der Geburt des Christkindes. Die drei Könige - vielmehr drei Königinnen - werden von Elisabeth Keller (98), Verena Mösle (80) und Maria Schmitz (86) gespielt. Zusammen huldigt das Trio dem Neugeborenen und beschenkt die Heilige Familie mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nach dem Krippenspiel sitzen die Bewohner mit dem Pflegepersonal zusammen. Bei Kerzenschein werden Weihnachtslieder angestimmt. Mancher lauscht versunken den Liedern manche summt mit. "Früher wurde Weihnachten viel intensiver gefeiert", erinnert sich Barbara Roth (86). Es seien schwere Zeiten nach dem Krieg gewesen und die Geschenke wie ein Pullover, meist von Mutter selbst gestrickt, denn: "Für Spielsachen war kein Geld da."
Veronika Gorges (88) erinnert sich noch gut daran, wie das an Heiligabend war: "Nachts hat das Christkind in der Gudd Stuff den Christbaum geschmückt und die Geschenke druntergelegt." Und ihre Augen glänzen bei dieser schönen Erinnerung. Wenn sie sich heute die Werbung betrachtet, bedauert die Vorsitzende des Heimbeirates, dann habe das mit Weihnachten nicht mehr viel zu tun: "Weihnachten besteht doch nicht nur aus Geschenken", sagt Gorges. Für Bernhard Schaper (67) war das größte Geschenk ein ferngesteuertes Rennauto. Das ist lange her. "Das hatte damals nicht jedes Kind". Er findet: "Warum sollen sich die Leute nicht etwas leisten, wenn das Geld dafür da ist."
Die Tradition, dass der Morbacher Bürgermeister zur Weihnachtsfeier ins Altenheim kommt, wird von Andreas Hackethal fortgesetzt. "Es ist mir eine Ehre, bei ihnen zu sein", grüßte er die Heimbewohner. Seit 1994 keine Weihnachtsfeier verpasst hat der ehemalige Ortsvorsteher Hans Jung.
Pflegedienstleiter Wolfgang Berg hat den besten Draht "nach oben". Das Christkind bleibt in dieser Einrichtung nicht unsichtbar, wie in vielen Familien, sondern erscheint mit Heiligenschein und weißen Flügeln in der Person von Vanessa Schömer (19) mit den Geschenken. "Wir kaufen nicht einfach 72-mal das Gleiche, sondern jeder Heimbewohner bekommt etwas, was er sich wirklich wünscht", darauf ist Heimleiterin Alice Kunz sehr stolz, denn: "Da muss das Personal sehr gut zuhören können, um in Gesprächen die Wünsche herauszuhören." Und manchmal auch die eine oder ander Träne trocknen.