Wenn Schüler auf Politiker treffen

Bernkastel-Kues · Nicht nur Fragen stellen, sondern auch Meinung äußern: Auf diese Weise sind gestern Schüler der Freiherr-vom-Stein Realschule plus in Bernkastel-Kues mit Landtagsabgeordneten ins Gespräch gekommen. Anlass war der landesweite Schulbesuchstag anlässlich des 9. Novembers.

Bernkastel-Kues. Gleich drei Landtagsabgeordnete statt wie üblich ein Lehrer sitzen den Zehntklässlern der Freiherr-vom-Stein Realschule plus in Bernkastel-Kues an diesem Freitagmorgen gegenüber. Da muss man sich zu helfen wissen: Die Schüler haben einen roten Buzzer (englisch für Summer, Pieper) mitgebracht.
Einen Beitrag leisten


Ihre Lehrerin Daniela Seidel erklärt Bettina Brück (SPD), Jutta Blatzheim-Roegler (Grüne) und Alexander Licht (CDU) die Spielregeln: "Die Schüler drücken dann, wenn Sie vom Thema abschweifen oder zu sehr in Politikermanier antworten."
Licht will wissen: "Dürfen die den auch im Unterricht verwenden?" "Bei mir herrscht ja keine Demokratie, Herr Licht, sondern pure Diktatur", scherzt die Lehrerin.
Anlass für den Schulbesuch der Landtagsabgeordneten ist eigentlich das geschichtsträchtige Datum des 9. November (siehe Extra). Die Jugendlichen bewegen aber ganz andere Fragen. Warum er in die Politik gegangen ist? Licht sagt, er wollte eben wirklich etwas bewegen, und "nicht ein Leben lang nur meckern, aber nichts tun".
Sein politisches Vorbild: John F. Kennedy. Und zwar wegen des berühmten Satzes: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann - frage, was du für dein Land tun kannst." Licht erklärt den Schülern: "Diesen Satz könnt ihr auf alles übertragen. Ihr könnt euch zum Beispiel fragen: Welchen Beitrag kann ich für meinen Unterricht oder für meine Schule leisten?" Es gehe eben darum, Verantwortung zu übernehmen.
Diskutieren wollen die Jugendlichen - über die Schulbuchausleihe, Integrationspolitik und den Flughafen Hahn. Aber auch über ein Thema, das sie selbst am meisten betrifft: die Umwandlung von Haupt- und Realschulen in Realschulen plus. Die habe, erklärt Bettina Brück, anfangs Probleme mit sich gebracht, sei aber gut gelungen. Ein Schüler findet: "Wir sind nur auf dem Papier eine Schule."
"Wir kommen noch mal"


Ein anderer Schüler will wissen: "Frau Blatzheim-Roegler, haben Sie zur WM eine Deutschland-Flagge auf dem Balkon?" Dazu die Politikerin: "Patriotische Symbole sind mir fremd. Meine Kinder haben mir aber auch zu denken gegeben. Die sagen, alle laufen mit dem Fähnchen rum, warum wir nicht? So kann man von der Jugend lernen. Also gibt\'s mittlerweile auch die Fahne auf dem Balkon."
Am Ende müssen sich die Landtagsabgeordneten beeilen, um rechtzeitig zum nächsten Termin zu kommen: Die Schüler haben so viele Fragen, dass sie die Politiker ein bisschen länger als die geplanten zwei Stunden beschäftigen. "Wir kommen noch mal", sagt Blatzheim-Roegler. Und der Buzzer? Der wurde drei Mal gedrückt - pro Politiker einmal. Ziemlich gerecht also.
Extra

Sonja Meyer, 17, Hochscheid: "Es ist schade, dass das so schnell vorbei war. Wir hätten alle vermutlich ewig weiter diskutieren können." Florian Schäfer, 16, Bernkastel-Kues: "Das war sehr informativ. Wir hätten noch ein paar Fragen in petto gehabt. Eine Wiederholung wäre schön." Marvin Denzer, 15, Bernkastel-Kues: "Es war interessant, so direkt mit den Politikern zu reden. Über alles konnten wir aber leider nicht sprechen." Robin Ehses, 16, Zeltingen-Rachtig: "Die Aktion finde ich toll. Es ist schön, dass das angeboten wird. Es wurde heute auch vieles erklärt, was ich so noch nicht wusste." TV-Fotos (4): Eileen BlaedelExtra

Der Besuchstag der Landtagsabgeordneten an rheinland-pfälzischen Schulen ist bundesweit einmalig. 133 Schulen aller Schularten und 6500 Schüler beteiligen sich dieses Jahr. Die Aktion, die seit 2003 läuft, steht in Verbindung mit der Erinnerung an den 9. November - ein Datum, das vielfach besetzt ist: mit der Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918 und dem Fall der Berliner Mauer 1989, aber auch mit der Progromnacht 1938. Im Kreis Bernkastel-Wittlich sind Bettina Brück (SPD), Jutta Blatzheim-Roegler (Grüne), Elfriede Meurer (CDU) und Alexander Licht (CDU) an vier Schulen unterwegs. eib