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Wie Eifeler Tanzmusik in den Reitz'schen "Heimat"-Film kam

Wie Eifeler Tanzmusik in den Reitz'schen "Heimat"-Film kam

Unvergessen ist der Auftritt des Traben-Trarbacher Casino-Salon Orchesters im preisgekrönten Epos "Die andere Heimat" von Edgar Reitz. Doch der war zunächst alles andere als sicher. Es fehlte nämlich an geeigneten Noten. Ein Zufall half Jürgen Kullmann, dem Begründer der Musikgruppe, weiter.

Traben-Trarbach/Morbach. Den Tag wird Jürgen Kullmann, der Traben-Trarbacher Musiker und Begründer des Traben-Trarbacher Casino Salon Orchesters, so schnell nicht vergessen. Als er einen Anruf der Edgar Reitz Filmgesellschaft erhielt, wollte er eigentlich spontan die Anfrage nach der Mitwirkung in Reitz Film "Die andere Heimat" ablehnen.
Gesucht wurden Darsteller als pfälzische Wandermusikanten. Das wäre durchaus denkbar gewesen, aber das zu spielende Repertoire war noch unbekannt. "Kein Problem", sagte der Leiter der Castingtruppe, man werde schon geeignete Noten aus der Zeit für eine Bauernkapelle finden.
Doch im pfälzischen Heimatmusikarchiv und bei Hunsrücker Musikvereinen blieb die Suche nach Musiknoten aus der Zeit des 19. Jahrhunderts, die sich für die bäuerlichen Musik- und Tanzszenen im ersten Teil des Films geeignet hätten, erfolglos. Da erinnerte sich Jürgen Kullmann an eine Begegnung im Förderkreis des Mittelmosel-Museums Traben-Trarbach und an die Frage, ob er an alten Musiknoten aus dem Besitz der Traben-Trarbacher Familie Schlömer Interesse hätte.
Eugen Schlömer, der 1908 in der Eifel geboren wurde und 1992 verstorben ist, zog 1936 von seinem Elternhaus in Kirchweiler bei Daun nach Traben-Trarbach. Dort gründete er eine Existenz als Kaufmann und heiratete 1939 seine heute noch in der Doppelstadt lebende Ehefrau Johanna. Mit in seinem Umzugsgepäck von der Eifel an die Mosel war neben alten Musikinstrumenten ein großer Karton mit unterschiedlichsten Musiknoten, teilweise noch handgeschrieben.
Musik hatte in der Eifeler Familie Schlömer Tradition. In der Chronik des Musikvereins Daun wird um 1880 die Kapelle Philipp Schlömer aus Kirchweiler erwähnt, die auf Bauernhochzeiten und Dorffesten aufspielte. Auch verstärkte die Musikerfamilie Schlömer, so die Chronik, gelegentlich den Dauner Musikverein, was jedoch den Unmut der Dauner Lokalpatrioten hervorrief.
Die Tradition blieb auch nach der Jahrhundertwende erhalten. Der 1908 geborene Eugen Schlömer konnte noch lustige Schwänke von den Auftritten erzählen, als er als Kind begeistert die fidele Truppe über die Dörfer begleitete.Verborgen im großen Karton


Die Noten dieser Bauernmusiker überstanden nun in einem großen Karton den Umzug an die Mosel, den Zweiten Weltkrieg und zogen in den nachfolgenden Jahrzehnten mehrmals mit der Familie Schlömer um. Zuletzt wurde sie von Jürgen Kullmann in Traben-Trarbach bei der heute 97-jährigen Seniorin der Familie, Johanna Schlömer, entdeckt.
Der Initiator des Casino Salon Orchesters war freudig überrascht, da er einen vollständig erhaltenen achtstimmigen Satz Orchesternoten vorfand - von der ersten Geige über den Kontrabass bis zu einem Bläsersatz für Klarinetten und Trompeten. An Musikstücken war alles vertreten, was das bäuerliche Herz vor etwa 150 Jahren begehrte: Walzer, Marsch, Galopp, Polka, Mazurka und natürlich ein Rheinländer.
Nach einer Probe im Beisein des Reitz-Castingteams waren die Filmleute von dem dargebotenen Walzer begeistert und engagierten das Casino Salon Orchester für die Filmaufnahmen. Das Ergebnis ist nun im ersten Teil des Films mit einigen Musikstücken als Tanz- und Hintergrundmusik zu hören. So kam die Eifeler Bauernmusik in einen Hunsrücker Heimatfilm.
Johanna Schlömer ist glücklich, dass Jürgen Kullmann die alten Erinnerungsstücke, die jahrzehntelang von ihr behütet wurden, wieder zum Leben erweckt hat. Als Dank hat sie ihm den alten Notenschatz zur weiteren Aufbewahrung übergeben. Auch hat Jürgen Kullmann die alte Klarinette des Philipp Schlömer erhalten und inzwischen liebevoll restauriert, damit auch tatsächlich ein originaler Ton gesichert ist.