Wie sollen leere Kirchen genutzt werden?

Wie sollen leere Kirchen genutzt werden?

Kirchenaustritte, leere Bänke in den Gottesdiensten, Priestermangel: Die christlichen Kirchen haben viele Probleme. Auch eine Art Luxusproblem: Gotteshäuser, die nicht mehr gebraucht werden. Bei der Frage nach deren Weiternutzung darf es laut Kunsthistoriker Martin Bredenbeck nicht nur ums Geld gehen. Er informierte in der Autobahnkirche St. Paul über dieses komplexe Thema.

Wittlich-Wengerohr. Martin Bredenbeck ist viel rum gekommen. Das hat er seiner Doktorarbeit zu verdanken. Die hat ein besonderes Thema: 333 Kirchen im Rheinland in den Bistümern Köln, Essen, Aachen und Trier, die vor einer Umwidmung stehen, hat der 38-Jährige untersucht und zum größten Teil selbst besucht. In seiner Dissertation geht es aber nicht darum, weshalb Kirchenbauten aufgegeben werden und wie sie weiter genutzt werden sollen. "Ich habe mir erlaubt, nicht wirtschaftlich zu denken", sagt Bredenbeck. Die Ergebnisse seiner kunsthistorischen Bestandsaufnahme für eine mögliche Weiternutzung der Gebäude stellte er kürzlich in der ehemaligen Klosterkirche St. Paul vor.
Die Umwidmung von St. Paul als Autobahn- und Radwegkirche lobte der Kunsthistoriker als "ein Rezept, von dem an vielen Stellen zu wenig Gebrauch gemacht wird." Denn dadurch bleibe der Charakter des Gebäudes sowohl innen wie außen erhalten.
Drei Möglichkeiten schälten sich bei seiner Recherche für die nicht mehr genutzten Kirchen heraus: Bewahren, Umbau und Abriss. Meist werde versucht, das Gebäude anders zu nutzen. Beispielsweise als Restaurant oder Bar, Bürohaus, Lager- oder Kletterhalle, Bibliothek, Kunstgalerie oder für den Bau von Wohnungen. Für Bredenbeck ist das in der Regel keine gute Lösung.
Das gelte auch für Kirchen wie St. Paul, die erst 1969 erbaut wurden und die im allgemeinen Verständnis noch nicht als alt gelten. "Diese Gebäude haben vor 30, 40 oder 50 Jahren Antworten auf gesellschaftliche Situationen gegeben", sagt Bredenbeck. Bei St. Paul sei beispielsweise das Zeltdach typisch für die 1960er und 1970er Jahre. Die Anordnung des Altars in der Mitte, von drei Seiten umgeben von den Kirchenbänken spiegele die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils wider: Die Besucher der Gottesdienste sollten mit eingebunden werden.
Das wünschen sich auch die Gemeindemitglieder. "Die Partizipation ist in jeden Fall ausbaufähig. Oft haben die Kirchenobenicht im Blick, dass hinter den Bauten auch Menschen stehen", sagt Bredenbeck.
Und das betrifft nicht nur die aktiven Christen: Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach plädierten 47 Prozent der Bevölkerung für den Erhalt der Kirchen in ihrer ursprünglichen Funktion.
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Wenn heute Kirchen nicht mehr als Gotteshaus genutzt werden, dann oft, weil nicht mehr so viele Menschen in die Kirche gehen. Das war zu Oma und Opas, Uroma und Uropas Zeiten noch ganz anders. Deshalb wurden viele Kirchen gebaut. Wenn sie jetzt nicht mehr gebraucht werden, werden die Gebäude oft umgebaut. Zum Beispiel zur Turnhalle oder zum Altenpflegeheim. Auch vor 200 Jahren gab es so etwas ähnliches schon einmal. Damals kam es sogar vor, dass Kirchen zu Viehställen, zum Beispiel für Pferde wurden. Das war eine Folge der Französischen Revolution. Bis dahin hatte die Kirche sehr viel Macht und war sehr reich. 1802 wurden ihr bis auf Pfarreien und Bistümer dann alle Einrichtungen abgenommen. Um diese Zeit gehörte die Region Trier noch nicht zu Deutschland, sondern zu Frankreich. Der französische Staat verkaufte damals Kirchen oder Klöster an Privatleute. Die benutzten die Gebäude als Steinbruch, um neue Häuser daraus zu bauen, als Stall oder für andere Zwecke. teuExtra

Martin Bredenbeck.TV-Foto: Holger Teusch. Foto: Holger Teusch (teu) ("TV-Upload Teusch"

"Wir sind Besitzer, aber nicht Eigentümer", sagt der Vorsitzende des Fördervereins Autobahnkirche St. Paul Wittlich, Wolfram Viertelhaus zu den Verhältnissen beim ehemaligen Missionshaus der Steyler Missionare. Eigentümerin ist die Immobiliengesellschaft St. Paul Wittlich. Als Träger des Gotteshauses müssen die rund 50 Fördervereinsmitglieder dafür sorgen, dass monatlich rund 1000 Euro für den Unterhalt zusammen kommen, erklärt Vorsitzender Viertelhaus. Das geschehe durch Spenden und Veranstaltungen wie Kino in der Kirche und den Verkauf von Broschüren. teu