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Wingertspfahl erinnert an jüdischen Winzer aus Rachtig

Wingertspfahl erinnert an jüdischen Winzer aus Rachtig

Über jüdische Moselwinzer ist kaum etwas bekannt, weil Juden viele Berufe nicht ausüben durften. In Rachtig betrieb bis zu seiner Emigration nach Amerika Adolf Marx neben Viehhandel auch Weinbau. Ein alter Wingertspfahl mit seinem Namen erinnert an ihn.

Der alte Holzpfahl, den Werner Gessinger in der Hand hält, weist auf den ersten Blick keine Besonderheiten auf. Bei näherem Hinsehen erkennt man jedoch den Namen Marx. Der schwarze Schriftzug ist stark verwittert. Der Pfahl, der einst an der Weinbergsgrenze stand, ist 80, vielleicht auch mehr als 100 Jahre alt. Der Weinberg gehörte Adolf Marx. Er lebte mit seiner Frau Rosalia bis 1938 in der Rachtiger Deutschherrenstraße. Beide waren jüdischen Glaubens und hatten das Glück, vor dem Holocaust im Jahr 1938 nach Amerika emigrieren zu können.

Im vergangenen Jahr waren deren Enkelin Joan Arshen mit Ehemann Ira in Rachtig, um zu erfahren, wo und wie ihre Vorfahren lebten. Der Kontakt kam über das Emil-Frank-Institut Wittlich zustande. Sie sahen sich das großelterliche Haus in Rachtig an und machten einen Abstecher nach Lösnich. Dort lebt Werner Gessinger, ein gebürtiger Rachtiger, der sich seit vielen Jahren ehrenamtlich um die Pflege des dortigen jüdischen Friedhofs kümmert. Sein verstorbener Bruder Hubert hat 1984 das Buch "Die Juden von Zeltingen-Rachtig" veröffentlicht.

Darin heißt es: "Adolf Marx, Winzer und Viehhändler, wohnte nach seiner Heirat zuerst in Zeltingen, kaufte dann das alte Haus von Therese Marx und baute sich an dieser Stelle ein neues Wohnhaus. Er war der erste jüdische Winzer in Zeltingen-Rachtig."

Dass ein Jude Weinbau betrieb, ist ungewöhnlich. Juden waren von vielen Berufen ausgeschlossen. Die Zünfte bestimmten beispielsweise, dass nur Christen ein Handwerk ausüben durften. Die Juden übernahmen daher Tätigkeiten, die den Christen untersagt waren, zum Beispiel Geldverleih, der Christen verboten war.

Damit brauchten diese zwar die Juden, warfen ihnen jedoch zugleich vor, Wucher zu treiben - ein Klischee, das Juden bis in die neueste Zeit anhängt. Andere Betätigungsfelder waren der Vieh- und Trödelhandel beziehungsweise Handel allgemein.

Werner Gessinger: "Ich habe bisher keine Dokumente finden können, wie groß das Weingut von Adolf Marx war und was für Weine er angebaut hat. Nur die bekannte konservative jüdische Einstellung der dort lebenden Juden lässt vermuten, dass der Wein als koscheres Produkt hergestellt wurde. Die haben zwar keinen Messwein gebraucht, aber doch war und ist koscherer Wein für manche jüdische Riten Pflicht."
Das Elternhaus von Werner Gessinger in Rachtig stand gegenüber dem Haus von Adolf und Rosalia Marx. Der Vater von Werner Gessinger kaufte von Marx einen Weinberg ab. Den Grenzpfahl mit dem Namenszug Marx hat er aufbewahrt.

Gessinger: "Den Kaufpreis für den Wingert musste mein Vater zweimal zahlen, weil die Familie Marx nichts vom ersten Betrag erhalten hatte. Die Nazis hatten Kosten und Gebühren bis auf die Höhe des Kaufpreises hochgerechnet." Als im vergangenen Jahr Joan und Ira Arshen Gessinger besuchten, bot er ihnen an, den Pfahl mit nach Amerika zu nehmen.

Doch das 3,40 Meter lange Stück war zu sperrig, um es im Flugzeug zu transportieren.
Adolf und Rosalia Marx hatten zwei Töchter, Hedwig und Martha. Über Hedwig weiß Gessinger nichts. Martha heiratete in den USA Max Stern und bekam drei Kinder, unter anderem Joan. Sie lebt mit ihrem Mann in New Jersey.