Winzer hoffen auf Schadensersatz

Bernkastel-Kues/Trier · Eingesetzt wurde Luna Privilege im August 2014 - bei feucht-heißer Witterung. Die Auswirkungen ín den betroffenen Wingerten zeigten sich erst nach der Blüte des Folgejahrgangs: 25 Prozent weniger Trauben. Die Herstellerfirma Bayer will den Winzern Ausgleichszahlungen anbieten.

Bernkastel-Kues/Trier. Der Name hat etwas, klingt fast himmlisch: Luna Privilege. Doch das Spritzmittel der Firma Bayer hat aller Wahrscheinlichkeit nach dafür gesorgt, dass nicht wenige Winzer im Herbst weniger Trauben in den Wingerten ernteten, in denen es eingesetzt worden ist.
Wie viele Betroffene es genau gibt, ist nicht bekannt. Die Bitburger Rechtsanwaltskanzlei Dr. Francois/Neuhaus & Kollegen, die einige Winzer vertritt, sprach im Sommer von etwa 1000 in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz.
In Rheinland-Pfalz sind es etwa 250, sagt Eric Lentes, Pflanzenschutzexperte beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Bernkastel-Kues. Die meisten davon, etwa 200, hätten ihren Betrieb im Weinanbaugebiet Mosel.
Was ist passiert? Der TV hat mit betroffenen Winzern, darunter Toperzeugern, geredet. Ihren Namen wollen beziehungsweise sollen sie auf Anweisung der Rechtsanwälte nicht nennen. Aber es ergibt sich ein einheitliches Bild des Ablaufs. Danach ist Luna Privilege Ende August 2014 bei der Abschlussspritzung eingesetzt worden. Es sollte vor allem das Auftreten von Botrytis verhindern.
Etwa neun Monate später, nach der Blüte des neuen Jahrgangs, merkten Winzer Veränderungen in den damals mit dem Mittel gespritzten Parzellen.
Es bildeten sich weniger Fruchtansätze, und es gab stark beschädigte Blätter. Durch den Austausch untereinander und die Mitwirkung der Pflanzenschutzexperten kam der Verdacht auf, dies könne mit der letzten Spritzung des vergangenen Jahres zu tun haben.
Utz Klages (Bayer-Presseabteilung, Monheim) bestätigt, dass das Unternehmen im Mai und Juni 2015 erste Hinweise über Wachstumsstörungen erhalten hat. "Es gab Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang mit dem Einsatz von Luna Privilege in der vorausgegangenen Saison."
Als wahrscheinliche Ursache für die Wachstumsstörungen sei der Metabolit Pyridyl-Carbonsäure (PCA) identifiziert worden. Kurzer Ausflug in die Naturwissenschaft: Metabolit (der Umgewandelte) ist ein Zwischenprodukt in einem meist biochemischen Stoffwechselweg.Eingeständnis von Bayer


Auch für den Laien verständlich wird es in der Stellungnahme der Firma Bayer vom 14. Dezember einige Sätze weiter: "Aus den bisherigen Analysen geht hervor, dass diese Wuchsanomalien mit der Ausbringung von Luna Privilege in hohen Mengen gegen Saisonende und bei extrem feuchter Witterung zusammenhängen." Genau dieses Zusammenspiel von Spritzmittel, Hitze und Nässe war auch schon vorher bei den hiesigen Experten und Winzern als Ursache im Gespräch.
Der letzte zitierte Satz von Utz Klages sei, so Eric Lentes, neu und so etwas wie ein Schuldeingeständnis. Solch ein Bekenntnis habe Bayer bisher vermieden.
Die Firma Bayer hatte damals umgehend Gutachter auf die Reise geschickt. Vor Ort machten sie sich ein Bild von den Schäden. Ein Winzer erzählt, dass von seinen etwa 100 Parzellen fast die Hälfte betroffen war. Den Ausfall in den betroffenen Wingerten schätzt er auf 25 Prozent. Die Qualität der übrigen Trauben sei nicht beeinflusst worden.
Gelobt wird der unaufgeregte Umgang miteinander. "Bayer hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt und macht in der Abwicklung aus unserer Sicht einen seriösen Eindruck", sagt Gerd Knebel, Geschäftsführer des Weinbauverbandes Mosel. Und er fügt an: "Bayer kann es sich nicht leisten, die Winzer unzufrieden zu lassen."
Wie geht es nun weiter? Bis Weihnachten, so ein Winzer, will Bayer alle Unterlagen auf dem Tisch haben. "Im ersten Quartal 2016 will Bayer den betroffenen Winzern auf freiwilliger Basis individuelle Angebote über Zahlungen unterbreiten", erläutert Utz Klages. Das könnte noch ein Knackpunkt werden. Schließlich haben die Winzer ganz unterschiedliche Preisstrukturen. Die vom TV befragten Winzer wollen erst einmal abwarten. Sie behalten sich aber vor, juristischen Beistand einzuholen. Das DLR hatte damals allen Winzern umgehend nahe gelegt, Luna Privilege nicht mehr einzusetzen.
Experten gehen davon aus, dass es 2016 keine weiteren Nachwirkungen gibt. Ganz ausgeschlossen werden könne das aber nicht. "Beim DLR laufen die Untersuchungen noch", sagt Eric Lentes. cb