Nationalsozialismus Artikelserie: Wittlicher Autor Franz-Josef Schmit entlarvt lokale Nazi-Schergen und erklärt, warum Hitler nie Ehrenbürger der Stadt wurde

Wittlich · Die einen waren Opfer, die anderen Teil des NS-Verbrecherregimes: Dem Wittlicher Autor Franz-Josef Schmit ist ein beeindruckendes zeithistorisches Werk gelungen. Es dreht sich um Männer und Frauen aus Wittlich – doch es hat Bedeutung weit über die Grenzen der Region hinaus. Hier finden Sie alle Beiträge des Autors.

 Die Wittlicher Stadtverordneten 1934 mit Bürgermeister Karl Hürter im Alten Rathaussaal.

Die Wittlicher Stadtverordneten 1934 mit Bürgermeister Karl Hürter im Alten Rathaussaal.

Foto: privat

„Nichts gehört der Vergangenheit an…“ – die Worte Fritz Bauers, sie schweben über jeder Zeile des gleichnamigen Buches von Franz-Josef Schmit (68) aus Wittlich. „Nichts gehört der Vergangenheit an“, betonte der Eichmann-Jäger und Chefankläger in den Frankfurter Ausschwitz-Prozessen einst mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und deren Folgen. „Alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Eindrückliche Worte. Sie hallen nach, wenn es in Schmits Werk um Karl Hürter geht, einen Wittlicher NSDAP-Ortsgruppenleiter und Stadtbürgermeister. Sie wabern durch den Kopf, wenn es um Franz Herber geht, einen deutschen Offizier, maßgeblich an der Niederschlagung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 beteiligt.

„Nichts gehört der Vergangenheit an“: Worum es in dem Buch geht

Basierend auf umfangreichster Quellenforschung zeichnet Franz-Josef Schmit – pensionierter Gymnasiallehrer und Mitglied im Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde Wittlich“ – in fünf Kapiteln und über gut 350 Seiten Biografien von NS-Aktivisten und Propagandisten wie Karl Hürter und Franz Herber sowie von Opfern des Nationalsozialismus in und um Wittlich nach. Schmit skizziert darüber hinaus die Rolle des Wittlicher Gefängnisses – von der Haftanstalt für sogenannte „Nacht- und Nebel“-Häftlinge während des Krieges bis zum Gefängnis für NS-Verbrecher in der Nachkriegszeit. In einem weiteren Teil widmet er sich der Wittlicher Jugend im Nationalsozialismus. „Nichts gehört der Vergangenheit an…“ von Franz-Josef Schmit – ein Werk, das am Beispiel Wittlichs und der Region zeigt, wie es dem Nationalsozialismus gelingen konnte, bis in die kleinsten Orte einzusickern und den Alltag der Menschen auch weit über den Krieg hinaus zu prägen.

Warum Hitler kein Ehrenbürger von Wittlich wurde

Einführend legt der Autor dar, wie NS-Vertreter im Wittlicher Stadtgebiet zunächst nur schwerlich Fuß fassen können. Interessant in diesem Zusammenhang: Wittlich bleibt eine von wenigen deutschen Städten, in denen Adolf Hitler nie zum Ehrenbürger ernannt wird. Der Grund: Das taktische Intervenieren von Matthias Joseph Mehs, dem Fraktionsvorsitzenden der Wittlicher Zentrumspartei, der einen NSDAP-Antrag zu diesem Thema auf seine Dringlichkeit hin hinterfragt. „Warum die NSDAP-Fraktion das Anliegen, Hitler zu Wittlichs Ehrenbürger zu machen, später nicht mehr aufgegriffen hat, mag Zufall gewesen sein oder auch andere nicht bekannte Gründe gehabt haben“, erläutert Franz-Josef Schmit. Fest steht allerdings: Im Laufe der 1930er versinkt die Stadt dann dennoch im braunen Sumpf.

Wie NS-Funktionäre nach dem Krieg in Wittlich ohne Schuldbewusstsein weiterlebten

Dem Autor gelingt es im weiteren Verlauf des Buches, auf eindrückliche Art und Weise darzustellen, wie lokale als auch überregionale Wittlicher NS-Funktionäre nach Kriegsende – getragen und ermutigt durch die in vielen Teilen der Gesellschaft vorhandene „Schlussstrich“-Mentalität – ihr Unrechtsbewusstsein offen zur Schau tragen. Sich durch juristische Instanzen klagen, um vermeintlich rechtmäßige finanzielle Ansprüche einzufordern. Wie sie schließlich in den Folge-Jahrzehnten mit dem Wittlicher Stadtleben verschmelzen.

Wittlich: Autor Franz-Josef Schmit entlarvt lokale Nazi-Schergen - War Hitler Ehrenbürger?
Foto: privat

Die Geschichte von Stadtbürgermeister Karl Hürter

Einer dieser Fälle: Karl Hürter. 1935 für zwölf Jahre zum Wittlicher Stadtbürgermeister ernannt, zuvor bereits als kommissarischer Bürgermeister ins Amt gehoben und zugleich Leiter der NSDAP-Ortsgruppe. Nach Kriegsgefangenschaft wird das NSDAP-Mitglied im Entnazifizierungsverfahren 1951 zum Mitläufer herabgestuft. „Damit“, so schreibt es Schmit, „gilt er als ,Entlasteter‘“.

Im Anschluss zieht Hürter vor Gericht. Klagt gegen die Stadt Wittlich wegen nicht anerkannter Beamtenrechte und damit verweigerter Pensionszahlungen, da er nach Ablauf seiner Amtszeit im Jahr 1946 nicht wiedergewählt wurde. Matthias Joseph Mehs, nach dem Krieg erster ehrenamtlicher Bürgermeister der Säubrennerstadt (1946), fast gleichzeitig Mitglied für die CDU im ersten Deutschen Bundestag (1949 bis 1953), notiert zu Hürters Klage: „Es würde meines Erachtens dem inneren Sinn der Entnazifizierung widersprechen, wenn ein Nazibürgermeister, der zudem noch Ortsgruppenleiter war, durch Gewährung von Ruhegehalt für seine Tätigkeit als Nationalsozialist geradezu noch belohnt würde.“ Doch Mehs, so schlussfolgert Franz-Josef Schmit, habe die Rechnung ohne die Justiz der 1950er Jahre gemacht. Hürter gewinnt den Prozess gegen die Stadt Wittlich und erhält rückwirkend zum 1. September 1952 sein Ruhegehalt. Schmit: „Zu diesem Zeitpunkt gingen noch die meisten Opfer des NS-Regimes und Überlebende des Holocaust leer aus beziehungsweise mussten einen mühsamen, langjährigen Weg für eine ‚Wiedergutmachung‘ beschreiten, an dessen Ende nicht selten die Ablehnung ihrer Forderungen stand […]“

Die Rolle von Franz Herber

Typisch für Schmits Werk: Die immer wiederkehrenden einordnenden Stellen kommentierenden Charakters. Aufschlussreich und erschreckend zugleich auch der Abschnitt über Franz Herber: Der gebürtige Berliner ist zunächst maßgeblich an der Niederschlagung des Umsturzversuchs um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom 20. Juli 1944 beteiligt, geriert sich gar als Anführer der Gegenaktion im Bendlerblock. Nach Kriegsende allerdings sieht dann alles anders aus. Herber frisiert seine eigene Rolle in diesem Zusammenhang „geschickt“ und schafft es, juristisch im Deutschland der frühen 1950er Jahre nicht belangt zu werden. Im Gegenteil: Nach Kriegsende lebt er in Wittlich, entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten zum festen Bestandteil des öffentlichen Lebens und verstirbt schließlich im Jahr 1996 in der Stadt an der Lieser.

Es sei ihm ein Anliegen, so betont es Franz-Josef Schmit immer wieder, mit seinem Buch insbesondere jüngere Leserinnen und Leser anzusprechen. Nach der Lektüre lässt sich sagen: Ob jung oder alt – es lohnt sich dieses Buch zu lesen. Denn: „Nichts gehört der Vergangenheit an…“

„Nichts gehört der Vergangenheit an“, RHEIN-MOSEL–VERLAG, 360 Seiten, Hardcover, Fadenbindung, 25 Euro.

ISBN-Nummer: 978-3-89801-387-1

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