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Wittlich entgeht am Donnerstag knapp der Flut

Wittlich entgeht am Donnerstag knapp der Flut

Die Prognose ist beängstigend: 3,50 Meter Pegelstand für die Lieser - die Innenstadt unter Wasser. Das ist das Szenario für die Hilfskräfte am Donnerstagmorgen. Anlieger sind gewarnt, Zufahrten zur Stadt abgesperrt, Brücken gesichert. Die Erleichterung ist groß, als der Pegel fällt. Doch weiteres Unwetter wird angekündigt: Schlagertage und Kinderflohmarkt sind abgesagt.

Durchfahrt verboten. Wer morgens früh ins Wittlicher Zentrum will, kommt nicht durch. Die freiwilligen Helfer von Feuerwehr und THW rollen in Einsatzwagen Richtung Lieser. Bei Möbel Klein werden empfindliche Stücke aus dem Laden getragen.

Seit 6 Uhr wissen Anwohner durch die Warnungen der Feuerwehr: Es kann brenzlig beziehungsweise sehr nass werden. Es wird empfohlen, Keller, teils Erdgeschosse zu räumen. Immerhin ist bei einem prognostizierten Pegel von 3,50 Metern trotz massiven Einsatzes aller nichts Gutes zu erwarten. Denn der bisher höchste Wasserstand lag laut Hochwassermeldezentrum bei 3,04 Metern, gemessen am 3. Januar 2003.

Die Feuerwehr postet bei Facebook: "Weitere Warnungen auch über Lautsprecher/Sirene werden folgen." Um 8.30 Uhr erstes Durchatmen: "Entgegen der Prognose wurde gegen 7 Uhr ein Scheitel von 2,79 Metern erreicht. Seitdem sinkt der Wasserstand wieder."

Feuerwehr, Stadtwerke, Straßenmeisterei und Technisches Hilfswerk (THW) haben viel getan, um den Schaden so gering wie möglich zu halten: Sie dichteten mit Sandsäcken ab, schaufelten Barrieren aus Sand, bauten Schutzkonstruktionen aus Holz, sicherten einen Brückenpfeiler davor, dass sich dort Stämme verkeilten. Deshalb wurde auch provisorisch das Geländer der Rommelsbachbrücke abgeflext.

Bürgermeister Joachim Rodenkirch verschafft sich mit Stadtwerke-Leiter Lothar Schaefer ein Bild von der Lage. Gegen 8 Uhr können sie etwas entspannen. "Im Moment ist es nicht mehr so dramatisch wie erwartet. Der Pegel in Plein stagniert. Und alle Einsatzkräfte leisten gute Arbeit", sagt der Stadtchef. Lothar Schaefer sagt: "Es sah erst anders aus. Wäre die Prognose von 3,50 Metern eingetreten, stünde das Wasser jetzt noch einen halben Meter höher." Deshalb wurden Barrieren gebaut, zwei Sattelschlepper voll Sand verteilt.

Das THW unterstützt mit 18 Personen die Sicherungsarbeiten in der Innenstadt und in der Römerstraße, wo die Lieser den Anwohnern auch zu schaffen macht. THW-Pressesprecher Axel Lamberti sagt: "Weniger gut finde ich, dass zwei Arbeitgeber nicht verständnisvoll waren: Einer hat einen Helfer erst gar nicht zum Einsatz gelassen, ein anderer wurde wieder abgezogen."

Sein THW-Kollege Michael Thörner steht vor dem Café im Pavillon, das haarscharf einer Überschwemmung entgangen ist, weil man es mit Holzplatten verbarrikadiert und versteift hat. Thörner: "Das Wasser stand schon 20 Zentimeter über der Unterkante, damit 60 Zentimeter höher als am Montag." Derweil werden überflüssige Holzplatten und Balken abtransportiert, falls man sie noch woanders braucht.

Ab 9 Uhr entspannt sich die Lage zusehends. Manfred Braun vom Bauhof trägt mit Kollegen das vorsichtshalber abgeschnittene Geländer der Rommelsbachbrücke aus dem Weg. Er wird es demnächst wieder dranschweißen: "Das wird zwei, drei Tage dauern." 2003 wurde es schon einmal abgeschnitten, damals nur ein Mittelteil.

Ein Wittlicher meckert: "Wofür haben die die Geländer abgesägt? Das hier ist doch harmlos! In den 50er Jahren war es eine Katastrophe, wenn Hochwasser war." Die Stadtwerke-Mitarbeiter haben anderes zu tun, als über alte Zeiten zu schwätzen, zumal sie damals noch nicht auf der Welt waren. Sie schleppen das mehrere hundert Kilo schwere Metallteil.

Da kommt Juliane Illigen von der nahe gelegenen Fleischerei. Sie hat keinen Keller und deshalb keine Wassersorgen: Sie bringt einen große Tüte Fleischwürstchen für die Männer, die seit 5 Uhr auf den Beinen sind. Das schmeckt allen.
Eine Geschäftsfrau, die außerhalb wohnt, steht überrascht an der Brücke: "Maju. Wat is datt denn? Das ist ja wirklich krass!" Eine Kollegin steht auch am Fluss neben den anderen Schaulustigen und sagt zu ihr: "Wir haben das Geschäft auch auf. Aber es kommt irgendwie keiner." Beide lachen: Nochmal alles gut gegangen.

Das bleibt abzuwarten. Zwischenzeitlich kündigt Westnetz (früher RWE) eine Stromabschaltung an, die 2000 Haushalte der Altstadt betreffen würde. Dazu kommt es dann doch nicht. Doch in der Römerstraße bleibt der Strom zeitweise weg. Um 10 Uhr sagt Martin Schmidt, stellvertretender Wehrleiter Wittlich: "Die Situation hat sich jetzt entspannt. Wir pumpen noch in der Himmeroder Straße und Römerstraße. Aber jetzt gibt es nochmal eine Unwetterwarnung. Wenn das so kommt, wäre das ganz schlecht."

Derweil ist die Lieser in Platten über die Ufer getreten. Unter anderem droht Vieh auf einer Weide zu ertrinken. Es wird gerettet.

Um 11 Uhr postet die Wittlicher Wehr: "Eine Entwarnung kann dennoch nicht gegeben werden, da für die Nacht weitere Unwetter durch den Deutschen Wetterdienst prognostiziert werden." Deshalb werden zur Sicherheit die Schlagertage am heutigen Freitag und am Samstag sowie der Kinderflohmarkt am Sonntag abgesagt. Die Wetterlage ist schlicht unberechenbar.

Am Donnerstagnachmittag gibt's Sonnenschein, am Platz an der Lieser entspannen Menschen im Cafe.
Viele Menschen danken persönlich oder per "Daumen hoch" den Freiwilligen von Feuerwehr & Co. Das Beachpartyteam reagiert. Tobias Müllers vom Team verspricht: "Die Beachparty Wittlich schenkt den Helfern der Feuerwehr Wittlich und dem THW 50 Freikarten zur Veranstaltung für deren super Job und Einsatz." Ob der Monatsmarkt an diesem Freitag stattfindet, war am Donnerstag unklar.

In Platten füllen Helfer derzeit Sandsäcke,  um den Ort vor dem Hochwasser zu schützen. In der Ortsdurchfahrt steht die Lieser schon auf der Straße.

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