Wittlich hat nicht und ist nicht vergessen

Wittlich hat nicht und ist nicht vergessen

Heute wird der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Aus diesem Anlass erinnert Gastautor Franz-Josef Schmit vom Arbeitskreis "Jüdische Gemeinde Wittlich" an Schicksale jüdischer Mitbürger, die teilweise bis heute Kontakte zu ihrer Heimatstadt pflegen.

Wittlich. Als im Mai 1991 knapp 50 Männer und Frauen, meist in Begleitung ihrer Ehepartner oder erwachsenen Kinder, aus Israel, den USA und Südamerika der Einladung der Stadt Wittlich anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums in die alte Heimatstadt gefolgt waren, nannte der damalige Bürgermeister Hagedorn das "eine große Freude und ein Geschenk". Nach einer bewegenden Begegnungswoche versprach er, man werde sich von nun an nicht mehr aus den Augen verlieren.
Viele der damaligen jüdischen Gäste sind inzwischen verstorben. Zu den noch lebenden wie Elly Danziger in England oder Ralph Erman in den USA unterhalten der Arbeitskreis Jüdische Gemeinde Wittlich, das Emil-Frank-Institut und der Bürgermeister nach wie vor Kontakte. Über die Zusendung des Jubiläumskataloges "100 Jahre Synagoge Wittlich" hat sich nicht nur Alice Levy, Tochter aus der Wittlicher Metzgerfamilie Oskar und Irma Mendel (Karrstraße 32), riesig gefreut.
Die heute in einem New Yorker Seniorenheim lebende Dame hatte im April 2011 ebenfalls ihren 100. Geburtstag gefeiert und sich bei Bürgermeister Rodenkirch mit einem Brief bedankt, dessen Handschrift das biblische Alter der Absenderin nicht einmal erahnen lässt. Sie bat zudem, einen Katalog an ihren Neffen zu schicken - deutliches Zeichen dafür, dass das Interesse an Wittlich auch in der dritten Generation fortbesteht.
Besucher von 1991 wie Ruth Hess, Tochter von Paul und Siddi Hess aus Kanada, kommen seitdem regelmäßig in die Heimatstadt ihrer Eltern, andere rufen zu den Feiertagen an oder kommunizieren per E-Mail.
Viele neue Kontakte sind in den vergangenen Jahren geknüpft worden, teilweise auch zu ehemaligen Juden aus Wittlich, die 1991 noch nicht bereit waren für ein Wiedersehen mit Wittlich und seinen Bewohnern oder zu denen man damals noch keinen Kontakt gefunden hatte. Vor allem aber gibt es einen lebendigen Austausch mit Angehörigen der dritten Generation, die oft von sich aus die von den Eltern wieder aufgenommenen Verbindungen zu Wittlich fortsetzen wollen. Sie kommen auf der Suche nach ihren Wurzeln nach Wittlich und werden von Mitgliedern des Arbeitskreises und des "Emil-Frank-Instituts" auf ihrer "Spurensuche" betreut und nicht selten auch privat beherbergt.
Besucher haben sich angekündigt


Die ehemalige Synagoge mit der Dauerausstellung "Jüdisches Leben in Wittlich" im Nebengebäude beeindruckt die Besucher ebenso wie der trotz mehrerer Schändungen noch gut erhaltene Friedhof vor den Toren Wittlichs und die Erfahrung, dass man in Wittlich dem Gedenken einen besonderen Stellenwert einräumt im kulturellen Leben der Stadt.
Durch diesen Austausch ist das Wissen über das Leben der früheren jüdischen Gemeinde der Stadt in den vergangenen Jahren erheblich bereichert worden. Eine große Zahl schriftlicher Dokumente und Fotos konnte so hinzugewonnen werden, die bei der geplanten Neugestaltung der Dauerausstellung ihre Verwendung finden werden.
Weitere Besucher haben sich schon angekündigt. So auch Carlos Sänger, der in Argentinien lebt. Sein Vater Paul Sänger wurde 1901 in der Trierer Straße geboren, studierte Jura in Frankfurt/Main und musste wie die anderen jüdischen Juristen 1933 die Entlassung als Staatsanwalt in Beuthen/Oberschlesien hinnehmen. Mit seiner Frau Gertrud, älteste Tochter des in Wittlich hoch geachteten Lehrers und Kantors Julius Kann, verließ Paul Sänger im Februar 1938 Deutschland, um als Landwirt in der argentinischen Pampa ein neues Leben zu beginnen. Der noch in Deutschland geborene Sohn Hans ist inzwischen verstorben. Der jüngere Sohn Carlos kennt die Heimat seiner Eltern nur von einem Kurzbesuch 1976 mit wenig erfreulichen Erinnerungen und Erzählungen seiner Eltern - Grund genug, jetzt, im Ruhestand lebend, Wittlich erneut zu besuchen, zumal er Ansprechpartner gefunden hat, die ihm dieses Vorhaben erleichtern.
Natürlich wird Carlos Sänger auch die Gräber seiner Großmutter Bertha Sänger, geborene Mendel, und seiner Tante Emma Mendel besuchen, die als letzte jüdische Bürgerin im März 1941 in Wittlich begraben wurde.
Extra

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert an alle Opfer während der Zeit des Nationalsozialismus und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden. Der Gedenktag wurde am 3. Januar 1996 durch Proklamation des Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des größten Vernichtungslagers des Nazi-regimes. Auch in Wittlich wird der Gedenktag begangen. Am heutigen Freitag spricht Georg Lilienthal, der Leiter der Gedenkstätte Hadamar, über das Euthanasie-Programm ab 19 Uhr in der Wittlicher Synagoge. red