Wittlicher gedenken der Opfer des Holocaust

Erinnerung : Wittlicher gedenken der Opfer des Holocaust

Mehr als 100 Bürger haben am Mittwoch mit einem Gang durch die Stadt der von Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht. Sie trugen dabei elf Koffer, symbolisch für die Menschen, die am 16. Oktober 1941 in der Oberstraße deportiert wurden.

Es ist ein verregneter Tag, als sich in der Wittlicher Oberstraße eine immer größer werdende Menschenansammlung bildet. Die Menschen scheinen sich nicht am Regen zu stören. Vielleicht liegt es auch daran, dass den Besuchern das Thema der Veranstaltung wichtiger ist, als das Wetter. Es geht um die Deportationen während des Holocausts.

Wittlichs Bürgermeister Joachim Rodenkirch erklärt, dass er froh darüber sei, vor allem auch viele junge Menschen bei der Gedenkveranstaltung zu sehen. „Wir alle hier sind nicht schuld an dem, was damals passiert ist, aber wir tragen heute alle die Verantwortung dafür dass so etwas nicht noch einmal passiert.“ Vor allem bei antisemitischer und rechter Gesinnung müsse man heutzutage leider wieder sehr vorsichtig sein. „Gerade wenn ich an Halle denke, merke ich wieder, dass wir nicht zulassen dürfe, dass sich solches Gedankengut verbreiten kann. Denn aus Gedanken werden Taten, und aus Taten werden Schicksale einzelner Menschen“, sagt der Bürgermeister.

René Richtscheid vom Emil-Frank-Institut spricht bei der Gedenkveranstaltung über die elf Juden, die aus der Wittlicher Oberstraße deportiert wurden. Foto: TV/Marlene Bucher

Anschließend übernimmt René Richtscheid das Mikrofon und erzählt vom 16. Oktober 1941. Genau an diesem Tag wurden elf Juden aus der Wittlicher Oberstraße deportiert und in das nationalsozialistische Ghetto in Litzmannstadt gebracht. Es diente damals wie auch die anderen NS-Ghettos vor allem als Zwischenstation vor der Deportation in die deutschen Vernichtungslager Kulmhof, Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor.

„Um an die elf Juden zu erinnern, die hier abgeholt wurden, gehen wir jetzt langsam mit elf symbolischen Koffern durch die Stadt zum Alten Bahnhof. Dort werden einige Schüler dann darüber sprechen, wer diese Menschen waren“, sagt Richtscheid.

Foto: TV/Marlene Bucher

Nachdem die Gruppe von über 100 Menschen sich in Bewegung gesetzt hat, bildet sich ein langsamer, leiser Zug durch die Wittlicher Innenstadt. Keiner spricht viel, einige wirken andächtig in Gedanken versunken, einzelne halten sich ein Taschentuch an das leicht gerötete Gesicht.

Am Alten Bahnhof neben der Zeitstein-Skulptur von Sebastian Langner angekommen, versammeln sich die Besucher wieder. In einer Reihe hinter den Koffern aufgestellt beginnen die Schüler aus Wittlich mit ihren kurzen Geschichten zu den elf Juden aus der Oberstraße. „Ich bin Louis Mendel. Ich wurde am 1. Mai 1890 in Wittlich geboren und war mit Johanna Fromm verheiratet. Ich war Metzger und hatte ein Geschäft in der Himmeroder Straße 23. Am 16. Oktober 1941 wurde ich im Alter von 51 Jahren in das Ghetto von Lodsch (Litzmannstadt) deportiert. Am 7. Juli 1944 wurde ich von dort in die Tötungsstätte Kulmhof gebracht und umgebracht“, liest ein Schüler vor. Die Schülerin nach ihm liest den Text über Mendels Frau. Auch sie starb am selben Tag wie ihr Mann in dem Vernichtungslager.

Schüler von vier Wittlicher Schulen haben vor dem Zeitstein am alten Wittlicher Bahnhof über elf Juden gesprochen, die am 16. Oktober 1941 in der Wittlicher Oberstraße deportiert wurden. Sie wurden in das nationalsozialistische Ghetto in Litzmannstadt gebracht und später getötet. Foto: TV/Marlene Bucher

Die Schüler lassen die Lebensläufen der Menschen von damals wieder etwas greifbarer werden, statt sie nur eine Zahl aus vielen Schicksalen sein zu lassen. Nach einigen Momenten der Stille auf dem Platz vor der Schlossgalerie löst die Menschenmenge sich schließlich langsam auf.

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