1. Region
  2. Mosel, Wittlich & Hunsrück

Wittlicher Hahn ärgert Mainzer Frosch

Wittlicher Hahn ärgert Mainzer Frosch

Die Ermin-Fabrik an Wittlichs Kalkturmstraße ist abgerissen. Geblieben ist ein Name: Mit der "Ermannstraße" soll an die jüdischen Unternehmer, Alfred und Otto Ermann, erinnert werden. Sie stellten dort die weitbekannte Ermin-Schuhcreme her. Wittlichs Ehrenbürger Willi Schrot erinnert an einen Werbecoup der Fabrikanten.

Wittlich. Aus Mainz am Rhein kommt die Marke Erdal Rex. Aus Wittlich an der Lieser kam die Marke Ermin: Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren die beiden Schuhcreme-Fabriken Konkurrenten, beide warben mit einem Zeichen aus der Tierwelt: Erdal setzt noch heute auf einen Frosch - mit Krönchen. Ermin setzte auf einen Hahn. Und genau mit diesem Hahn ärgerten einst die Wittlicher die Mainzer. Das ist eine Geschichte, die Wittlichs Ehrenbürger Willi Schrot, 95 Jahre, zu erzählen weiß.

"Ermin und Erdal waren in unserem Raum die beiden Marken von einfacher Schuhcreme bis hin zu feinsten Wachsen für Damenschühchen, und die lieferten sich im Wettbewerb viele Scharmützel", erinnert sich Willi Schrot: "Eine Sache war die: Einer der Brüder Ermann mietete einen Rheindampfer. Das waren ja damals Raddampfer, wobei die Schaufelräder außen verkleidet waren. Darauf ließen die Ermanns groß ihren Ermin-Hahn beidseitig aufbringen und auf die Wasserkiellinie schreiben: ,Ermin ist das Beste' - oder so." Damit sei der Raddampfer bei Mainz immer auf und ab gefahren: Genau vor der Nase der Konkurrenz, die nahe am Fluss ihre Fabrik hatte, - und zu deren Ärger. "Daraufhin gab es eine Werbeaktion von Erdal speziell für den Eifelraum", sagt Willi Schrot.

Der 1915 geborene Wittlicher schätzt, dass die Retourkutsche etwa um 1930 kam. Die Strategie aus Mainz: "Wer Erdal-Dosen kaufte, bekam Bons. Für 500 Punkte gab es einen Lederfußball. Das war damals eine unerschwingliche Sache. Wir haben unsere zahlreiche Verwandtschaft engagiert und auch die Bekannten gebeten, dass sie nur Erdal kaufen sollten. Schnell hatten wir die Punkte zusammen, schickten die ein und hatten tatsächlich einen original Lederfußball. Da waren wir stolz wie Oskar!", sagt Schrot und schaut, als stünde er als Junge wieder auf dem damals einzigen Sportplatz im Klausener Weg, wo später die Kasernen gebaut wurden und heute der Vitelliuspark ist.

Dort wurde der Ball getestet. Allerdings wurde er den Jungs prompt vom späteren Torwart des SV Wittlich 1912, Jakob Hansen, abgenommen. Das war der Sohn vom letzten Wittlicher Besenbinder, klein von Figur genannt "Mäuschen", der noch mit dem Hundekarren über Land fuhr. Auch sein Sohn hieß in Familientradition "Mäuschen". Wie dann der Hüne Josef Felsen dem Mäuschen den Ball wieder abnahm und warum der Ballretter später der "deutsche Held" genannt wurde, das ist eine andere Stadtgeschichte, die Willi Schrot naturgemäß noch zu erzählen weiß. Extra Die Geschichte der Chemischen Fabrik Wittlich (Ermin-Fabrik) endete nur wenige Jahre nach dem Wettbewerb der Konkurrenten in der Zeit der Nationalsozialisten, nachdem sie ein halbes Jahrhundert zur Stadtgeschichte gehört hatte. Salomon Bach hatte 1882 neben einer Lebensmittelgroßhandlung die kleine Fabrik für Schmier- und Schuhfette gegründet, die zunächst unter Ermann-Bach firmierte. 1909 wurde die "Wichsfabrik" unter "Ermann & Co" von der Lebensmittelhandlung am Marktplatz getrennt. Salomons Söhne Alfred und Otto übernahmen 1926 diese "Chemische Fabrik Wittlich". Beide bauten sie zu einem in ganz Westeuropa bekannten Unternehmen aus. 1936 mussten die Ermanns an Nazis verpachten, wurden enteignet, mussten fliehen. Otto Ermann starb in Auschwitz, Alfred Ermann und seine Frau wurden in Sobidor ermordet. Ihre vier Söhne überlebten versteckt in den Niederlanden.