Wittlicher Schöffengericht schickt 39-jährigen Angeklagten hinter Gitter.

Justiz : Haft und mögliche Abschiebung

Vergewaltigung, Bedrohung und Verstoß gegen das Waffengesetz: Das Wittlicher Schöffengericht schickt 39-jährigen Angeklagten hinter Gitter. 

Kurz vor Verhandlungsbeginn treffen der Angeklagte B. und das mutmaßliche Opfer wieder aufeinander. Sie kommt als Zeugin und Nebenklägerin mit einem drei Wochen alten Baby im Kinderwagen, B. wird als inhaftierter Angeklagter in Handschellen hereingeführt. Das Baby ist ihr gemeinsames Kind. Ob sie verheiratet seien, will der Vorsitzende Richter Stefan Ehses wissen. Die Antwort ist ja und nein. „Wir sind durch unseren Imam getraut worden,“ lässt der türkische Staatsangehörige durch Dolmetscher Mustafa Akin ausrichten.

Auch die Frau ist türkischer Abstammung, aber in Deutschland aufgewachsen. Vor etwa zwei Jahren ist er illegal nach Deutschland gekommen und arbeitete auf dem Bau. In der Untersuchungshaft stellte er einen Asylantrag, der abgelehnt wurde. Nun liegen die Ausweisungspapiere bereit.
Dann trägt Staatsanwalt Stephane Parent die Anklage vor: Vergewaltigung, Bedrohung und Verstoß gegen das Waffengesetz. Ende April 2019 soll B. seine Freundin gegen deren deutlich geäußerten Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. „Ich bin dein Mann, ich darf das“, seien seine Worte gewesen. Als sie ihm eine heftige Ohrfeige gab, habe er sich sofort zurückgezogen. Als Tatort genannt wird das Haus der Frau in einem Ort der VG Wittlich-Land, wo die beiden seit einiger Zeit zusammenlebten. Vor dem Vorfall am Abend des 30. April hätten der Angeklagte und ein Freund reichlich Alkohol, Marihuana, Amphetamin und Kokain konsumiert. Am Morgen danach begann zwischen ihm und ihr ein umfangreicher SMS-Austausch, in dessen Verlauf er den erzwungenen Geschlechtsverkehr als „großen Fehler“ bezeichnet haben soll. Als sich die damals schwangere Frau deshalb von B. trennen wollte, habe sie der Angeklagte zunächst per SMS mit dem Tode bedroht: „Ich werde dich wie ein LKW mit defekten Bremsen überrollen, sonst bin ich kein Mann.“

Etwas später kündigte er telefonisch einen „Besuch“ an – sie könne schon mal die Polizei rufen. Tatsächlich stand er bald vor ihrer Tür und spielte mit einem nicht erlaubten Butterflymesser. Die Polizei kam und seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Auf den ersten Blick also ein eindeutiger Fall, doch Stefan Ehses wird in den nächsten Stunden noch seine liebe Mühe damit haben. Der Angeklagte präsentiert seine eigene Version: „Sie hat trotz Schwangerschaft auch Drogen konsumiert und ich war dagegen. Darüber gab es Streit – sie wollte sich von mir nichts vorschreiben lassen. Sexuell ist in dieser Nacht nichts gewesen.“ Und an die späteren Drohungen kann sich B. nicht erinnern, auch nicht ans verbotene Butterflymesser. Nun hilft der Staatsanwalt nach mit den sichergestellten, in Türkisch verfassten SMS von B’s. Handy. Was Dolmetscher Akin übersetzt, ist teils eindeutig – aber auch oft zweideutig. Besonders Bs. Satz „der Geschlechtsverkehr war ein Fehler“ wird zum Dreh- und Angelpunkt. Der Dolmetscher erklärt, dass das türkische Wort für Geschlechtsverkehr auch zwischengeschlechtliche Beziehungen meint. Sprachinterpretationen beginnen. So wird der Dolmetscher zeitweise zur Schlüsselfigur.

Dann präsentiert die als Zeugin gehörte Frau und Nebenklägerin, eine völlig andere Version: Sie habe an dem Abend keine Drogen genommen, und der sexuelle Übergriff sei so gelaufen, wie in der Anklage geschildert. Ihr besonderes Problem dabei: Sie sei als Elfjährige zum Missbrauchsopfer geworden, habe ein schweres Trauma erlitten, und das sei an dem Abend alles wieder hochgestiegen.

Schließlich bietet Verteidiger Christian Hölzer nach etwa vier Sitzungsstunden ein verfahrensverkürzendes Rechtsgespräch an. Das Ergebnis: Für den Fall eines vollen Geständnisses wird B. ein Strafrahmen zwischen einem Jahr und vier Monaten und zwei Jahren angeboten. Allerdings nicht auf Bewährung. Nach langer Unterredung mit seinem Verteidiger zieht B. den Schlussstrich und gesteht alles. Eineinhalb Jahre Haft lautet am Ende das Urteil – allerdings ohne Bewährung.

Richter Ehses: „Die Sozialprognose ist für den Angeklagten äußerst ungünstig, weil er sich illegal in Deutschland aufhält, was an sich schon eine Straftat ist. Auf freiem Fuß würde er sofort untertauchen.“ Wie es für den Angeklagten weitergehe – etwa Abschiebung in die Türkei nach Teilverbüßung der Strafe – sei Sache der Ausländerbehörde.

Mehr von Volksfreund