Wittlichs langer Weg ins schnelle Netz

Wittlichs langer Weg ins schnelle Netz

Was nutzt das beste Straßennetz vor der Haustür, wenn es keinen leistungsfähigen Weg ins Internet gibt? Als die Industrie- und Gewerbeflächen in Wittlich-Wengerohr geplant wurden, war der Standortfaktor Breitbandversorgung noch kein Thema. Jetzt sucht die Stadt nach einer Lösung.

Wittlich. "So schnell wie möglich weg von hier, hier lebt man ja wie hinterm Mond!" Das kann man nicht von überkandidelten Städtern hören, die Bekanntschaft mit dem Landleben machen, sondern von Jugendlichen, deren Heimat das Dorf ist. Und die fühlen sich hinter den Erdtrabanten versetzt, wenn ihnen eins fehlt: schnelles Internet. Der leistungsfähige Zugang zum weltweiten Netz kann heutzutage existenziell sein. Eine Tatsache, die man vor 20, 30 Jahren als Science-Fiction-Spinnerei eingeschätzt hätte.
Nicht ans Internet gedacht


Und nicht nur die Jugend steht auf diesen heute selbstverständlichen Kommunikationsweg. Der Austausch von Informationen via Internet ist für Firmen ebenso existenziell. Und Firmen, die will die Stadt Wittlich weiterhin für die Industrie- und Gewerbegebiete Wengerohr und Wengerohr-Süd als Standorte begeistern. Das Problem: Als die Flächen für diese künftige Nutzung quasi reserviert wurden, hat noch niemand ans Internet gedacht. Jetzt fehlt die sogenannte Breitbandversorgung, die nur funktioniert, wenn es ein entsprechendes Glasfaserkabel gibt. Das muss im Boden verlegt sein, und das wird teuer.
Es gibt die Alternative über Funk, aber auf die ist nicht unbedingt Verlass: So hatte vor einem Jahr eine Anbieterfirma fünf Firmen im Wengerohrer Industriegebiet Knall auf Fall den Funkzugang gekündigt, weil er sich nicht gerechnet habe. Einer der Betroffenen war Thomas Loosen von der Firma Gebrüder Loosen, die mit 34 Mitarbeitern von Wengerohr aus Wein in alle Welt verkauft. Die Firma kann beispielsweise die Exportpapiere über den Zoll nur online verschicken. Der Weinexporteur sagte damals: "Ohne Internet könnten wir den Laden zumachen." Deshalb freute sich Thomas Loosen über einen Stadtratsbeschluss im Oktober vor einem Jahr: Die Stadt Wittlich erklärte sich bereit, bis zu 300 000 Euro an den Anbieter als eine Art verlorenen Zuschuss zu zahlen, der eine Breitbandversorgung sicherstellt.
Über Geld wird geschwiegen


Damals hatte die Telekom bereits abgewinkt, sich im Industriegebiet zu engagieren: Das lohne sich nicht für den Großkonzern, der aktuell mit einem pinkfarbenen "Netz der Zukunft (Es verbindet alles, was wichtig ist)" wirbt. Leider will er es nicht über Wengerohr auswerfen beziehungsweise verlegen. Und wer ist der Stadt Wittlich ein Jahr nach dem Ratsbeschluss ins Netz gegangen? Der Fang ist begrenzt: Genau ein verbindliches Angebot liegt der Stadt seit dem 18. Oktober vor.
Warum hat das so lange gedauert? Der Pressesprecher der Stadtverwaltung, Jan Mußweiler, listet die Stationen des langen Wegs zum Angebot seit dem Beschluss auf: ein Fachbüro musste die Modalitäten prüfen, das Breitbandprojektbüro des Landes wurde einbezogen, eine Fachanwaltskanzlei musste ein Rechtsgutachten erstellen, dann folgte die Ausschreibung, jetzt gibt es das Angebot.
Mußweiler: "Das wird derzeit vom Fachbüro geprüft und ausgewertet. Bis Ende des Jahres soll ein entsprechender Vergabevorschlag in den städtischen Gremien eingebracht werden." Sollte alles klappen, rechne die Verwaltung damit, dass noch im Jahr 2014 das Gebiet mit schnellem Internet via Breitband versorgt werden könnte. Ob die 300 000 Euro noch aktuell sind, dazu "können wir uns gegenwärtig nicht äußern", sagt Jan Mußweiler.
Thomas Loosen sagt zum aktuellen Stand in Sachen Internet: "Momentan behelfen wir uns mit LTE (Funktechnik für Internetverbindungen, Anmerkung der Redaktion). Das funktioniert leidlich gut. Das Problem ist das auf 50 Gigabyte begrenzte Volumen. Manchmal ist das schon vor Monatsende aufgebraucht. Dann wird gnadenlos runtergedrosselt. Letzten Monat war es wieder so weit. Das ist dann bitter. Für uns wäre es problematisch, wenn es auf längere Sicht kein schnelles Internet gäbe. Dann müssten wir uns weiter quälen."Extra

Wittlichs Industriegebiet I hat 57 Hektar, Industriegebiet II hat 118 Hektar und III hat 20 Hektar. Das Industriegebiet Wengerohr zählt 50 Hektar und das Industriegebiet Wengerohr-Süd rund 90 Hektar, davon 70 Hektar als Bauland. 22 Hektar stehen in Wengerohr noch zum Verkauf. Zum Vergleich: Im Vitelliuspark, dem Ex-Kasernengebiet, kamen insgesamt fast 16 Hektar auf den Markt, davon hat allein der neue Globus vier Hektar übernommen. Auf die Frage, ob das fehlende Glasfasernetz bislang Ansiedlungswünsche ausgebremst habe, sagt Jan Mußweiler, Pressesprecher der Stadtverwaltung: "Die Nachfrage nach dem Wirtschaftsstandort Wittlich ist weiterhin ungebrochen. Dass Ansiedlungen von Betrieben aufgrund mangelnder Internetgeschwindigkeit in den Industriegebieten Wengerohr und Wengerohr-Süd gescheitert sind, ist nicht bekannt." Die noch verbleibenden Flächen von 22 Hektar würden zu einem Preis von 25 Euro je Quadratmeter inklusive Erschließung angeboten. sos Quelle: Stadtverwaltung

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