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Wittlichs verschwundener Prachtbau: Erinnern an römische Villa an der Lieser macht Fortschritte - Ausmaße sollen gezeigt werden

Wittlichs verschwundener Prachtbau: Erinnern an römische Villa an der Lieser macht Fortschritte - Ausmaße sollen gezeigt werden

Die Porta Nigra in Trier ist 36 Meter breit, die römische Villa bei Wittlich erstreckte sich über 140 Meter. Zu sehen ist das nicht mehr. Riesig ist nur die Autobahnbrücke, die über der einst imposanten Anlage gebaut wurde. Doch nun sollen die Ausmaße des römischen Erbes sichtbar werden. Ein erster Schritt ist getan.

Ganz schön kalt ist es am Fluss. Einst muss hier der Blick weit in die Wittlicher Senke über Äcker, Wiesen, Felder gereicht haben. Jetzt sieht man Beton, Straße, Industriebauten. Und Verkehr rumpelt über den Köpfen einiger Damen und Herren. Sie stehen unter der Autobahn an an einer kleinen Lieserbrücke. Einer reibt sich die Hände, fragt: "Wie war das eigentlich mit der Heizung hier, früher?" "Es gab natürlich eine Fußbodenheizung. Aber die ist abgeschaltet", sagt Ortwin Eich. Die Stimmung ist locker.

Eich ist Vorsitzender des Fördervereins Wittlicher Kulturgüter. Wo er jetzt steht, war er schon oft nahe der römischen Villa. Denn der 2005 gegründete Verein hatte damals das Hauptziel: das Kümmern um den ehemals prunkvollsten und größten Villenbau der Römer im Trierer Land. Den prächtigen Landsitz wollte man wieder ins Bewusstsein der Wittlicher und der Region rücken. Ein immerhin 140 Meter langes Bauwerk, das sich bogenförmig am Fluss erstreckte.

Heute erstreckt sich vor allem eins: Die gigantische Autobahnbrücke, die auf Betonpfeilern himmelwärts ragt. Eine bizarre Kombination aus Moderne und Antike, eine Tragödie für das römische Erbe, das hier in den Jahren zwischen 150 und 200 entstanden ist und fast komplett zerstört wurde. Hinter den Herrschaften sieht man einen teils nachgebauten Bruchteil der Anlage unter einem Schutzdach stehen. Das, was Laien als "die Villa" interpretieren, ist Überrest einer Restaurierung, teils später aufgemauert, nachdem hier 1982 bis 1983 das rheinische Landesmuseum den Mitteltrakt freigelegt hatte. Am 8. Mai 1984 kam dann die unter Denkmalschutzstellung, es folgte wieder eine Phase des Vergessens.

Erst mit dem Engagement des Fördervereins kam Schwung in die Geschichte (der TV berichtete mehrfach). Die Mitglieder knüpften Kontakte zur Stadt, die Eigentümerin ist, zu Landesmuseum, Autobahnmeisterei, dokumentierten die Geschichte in Artikeln, suchten nach Fundstücken, organisierten Ortsbesichtigungen, sammelten Geld zum Unterhalt. Das Gelände wurde freigeschnitten, Hinweistafeln informieren über die Geschichte. Man blieb am Ball, doch die verantwortlichen Stellen spielten nicht wirklich engagiert mit. Das scheint sich nun zu ändern.

Der Ortstermin ist ein Auftakt. Mit dabei: Vertreter der Fördervereins, der Kreis- und Stadtverwaltung, des Bauhofs, einer Vermessungsfirma und nicht zuletzt Dr. Lars Blöck, archäologische Denkmalpflege beim Landesmuseum, der Karl-Josef Gilles nachgefolgt ist und sich der Wittlicher Anlage angenommen hat. Pläne werden herumgereicht: Ein Luftbild, das die markante Autobahn zeigt, wie sie sich über das Gelände schiebt. Ein aktualisierter Grundriss mit 25 extra markierten Punkten wird verteilt. Denn das Landesmuseum beziehungsweise die Generaldirektion kulturelles Erbe hat Geld für eine korrekte Ausmessung bereitgestellt.

Marco Schrickel vom Büro Doku Plus für Bestandsdokumentation, Archäologie und Denkmalpflege aus Luxemburg ist deshalb in Wittlich. Er hat die überlieferten Grundrisszeichnungen mit der Realität verglichen, alles genau vermessen. Das ist Grundlage für alles weitere. Die Versammelten gucken deshalb nicht nur auf den präzisen Plan auf Papier, sondern ziehen los. Drei Fixpunkte, die die tatsächlichen Gebäudegrenzen markieren, sind nun fest im Boden installiert, dienen als Orientierung. Man geht nun zusammen die Stellen ab und überlegt, wie man oberirdisch zeigen kann, was einst hier stand. Wie genau die Villenausmaße vor Ort sichtbar gemacht werden, muss noch ein Experte mitentscheiden, hieß es.

Aber jetzt soll Zug in die Sache kommen. Auch virtuell. "Wir wollen in Zusammenarbeit mit der Uni Trier eine App einrichten und damit die römische Villa sichtbar machen", kündigt Heribert Lorscheider von der Stadtverwaltung an. Edmund Kohl vom städtischen Bauhof erinnert an die Wirklichkeit. Etwa dass eventuell notwendige Rodungen nur bis 1. März möglich sind. Und er mahnt, alle Markierungen möglichst stabil zu gestalten: "Sobald Frühjahr, Sommer ist, ist hier wieder reger Betrieb. Wenn wir Pech haben, ist dann am nächsten Tag alles weg, ist verheizt oder liegt in der Lieser."

Er steht neben einer Feuerstelle, die belegt: Das Villengelände ist heute noch beliebt - für Partys und bei modernen Vandalen. Ringsum haben sich Unbekannte mit Farbspray ausgetobt. An den Autobahnbrückenpfeilern findet man sogar ein Hakenkreuz. In Sachen Geschichtsbewusstsein gibt es noch viel zu tun.