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Wo bleibt Leben wie auf einem Dorf?

Wo bleibt Leben wie auf einem Dorf?

Ein Seniorenheim, das vorzeitig ausgebaut wird, betreutes Wohnen statt Sternehotel, Büros im Vorhaben mit dem Arbeitstitel Brauhaus nun ohne Biergarten: Gescheiterte Visionen für St. Paul nimmt der Stadtrat zum Anlass, reihum und öffentlich seiner Enttäuschung Luft zu machen.

Wittlich. Die Stadt Wittlich ist kein Feind ehrgeiziger Investorenpläne. So haben Verwaltung und Politik auch das Großprojekt St. Paul von Beginn an unterstützt und mit Beschlüssen so zeitnah wie möglich vorangebracht. Die ersten Schritte hat Hans-Jürgen Lichter als zentraler Macher in Sachen Entwicklung des Geländes begleitet. Sein Nachfolger ist Torsten Manikowski von der Immobilienverwertungsgesellschaft St. Paul. Es geht beim Projekt um insgesamt 260 000 Quadratmeter, die umgewandelt werden: Altimmobilien suchen eine Folgenutzung, dazu werden Neubauten, Straßen, Leitungen angelegt. Es soll ein komplett neues Gebiet entstehen, das 100 000 Quadratmeter mehr hat, als die Stadt im Vitelliuspark entwickelt hat. Von einem neuen Stadtteil mit Mehrgenerationendorf war die Rede.
Was einst als Vision präsentiert wurde, werde nicht unbedingt Realität, kritisieren Stadträte.
Sie gaben in öffentlicher Sitzung folgende Kommentare ab:
Rudolf Bollonia, Grüne: "Da hören wir jetzt ganz andere Dinge. Nur normalen Wohnungsbau hätten wir auch an anderer Stelle in die Stadt setzen können. Mehrfamilienwohnhäuser haben mit dem Thema Mehrgenerationendorf rein gar nichts zu tun"
Karl-Heinz Grünfelder, FDP: "Wir machen uns Sorgen. Die Wengerohrer haben sich gefreut, ein dynamisches Gebilde mit aufnehmen zu können. Unterm Strich kommt es jetzt zu einer Ansammlung von Menschen, die der Betreuung bedürfen."
Joachim Gerke, SPD: "Die genannten Ziele waren für den Rat ausschlaggebend, überhaupt zuzustimmen. Ich bin nicht sicher, ob ich bei der Zustimmung einen Fehler gemacht habe."
Elfriede Meurer, CDU: "Unser Hauptimpuls war, dass bestehende Gebäude nicht zu Ruinen werden. Ich kann zum Beispiel nicht erkennen, warum ein Brauhaus jetzt schädlich ist. Damals haben wir gesagt, das ist gut, da ist Leben wie im Dorf, da ist ein Mix."
Jürgen Vellen, CDU: "Es wird betont, dass hier ein Konjunkturprogramm geschaffen wird. Das war nicht unser Ziel."
Michael Wagner, Grüne: "Im Gegensatz zu den Investoren hat der Stadtrat städtebauliche Aspekte abzuwägen. Die Mehrheiten sind zustande gekommen, weil man uns viel versprochen hat."
Michael Präder, CDU: "Die ganze Sache hat für mich ein kleines Geschmäckle. Wir wurden mit Fakten bombardiert, und die Stadt hat investiert in ein Baugebiet, was auf der grünen Wiese rausgestampft wird." Bürgermeister Joachim Rodenkirch beschwichtigte: "Wir sind mit Null-Komma-Null Euro Investitionen dabei. Das Risiko trägt der Investor. Ich denke, man bemüht sich da, und bin der festen Überzeugung, dass eine Dynamik entsteht." Torsten Manikowski erklärte: "Ich kann sagen, das Mehrgenerationen-Wohnen kommt. Das ist noch unser Top-Thema. Mit der TCM-Klinik haben Sie völlig recht: Das wird nicht kommen. Wir kooperieren mit einem großen Krankenhausträger, der will TCM mit anderen Abteilungen wie Schmerzmedizin." Er sagte auch: "Das Brauhaus mit großem Biergarten werden wir in dieser Form nicht umsetzen können, aber etwas in abgespeckter Form. Dort werden auch Büroräume geschaffen. Und das Kloster wird sicherlich kein Hotel." Dort ist betreutes Wohnen im Gespräch.Meinung

Die Geister, die man rief …
Unbestritten: Rund um St. Paul tut sich was. Mit dem Riesen-Gelände soll ja in erster Linie Geld verdient werden. Investoren sind primär keine Wohltäter für die Allgemeinheit. Mancher Stadtrat hat das von Anfang an kritisch gesehen. Andere fragen sich, ob ihnen das Blaue vom Himmel versprochen wurde und sie selbst zu blauäugig waren. Was in Sachen Mehrgenerationenleben bis auf einen Spielplatz kommen wird, ist offen geblieben. Zu Stoppen ist die Entwicklung sowieso nicht mehr. s.suennen@volksfreund.deExtra

Klostergebäude: Im entkernten Gebäude sollen statt eines Sternehotels Wohnungen mit Betreuungen errichtet werden. Klostergarten: Die Gartenanlage mit Teich, Streuobstwiese, Labyrinth ist angelegt. Altes Missionshaus (Brauhaus): Dort ist "weniger störende Gastronomie" ohne Biergarten womöglich mit Büros geplant. Klosterladen: Der Ex-Stall ist entkernt und erschlossen. Dort soll weiterhin ein Ladengeschäft entstehen. Seniorenheim: Der vierte Neubau-Block ist bald fertig. Pfadfinder: Die Pfadfinder haben eine neue Herberge. Kinder- und Familienhaus: Fertig, betreut durch Haus Bergfried. Autobahnkirche: Wird von Verein betreut. Toiletten im Außenbereich sind angelegt. Erschließung durch Straßen und Leitungen: Dafür sollen 7,55 Millionen Euro ausgegeben werden. Bislang sind 4,9 Millionen umgesetzt. Die Planstraßen sind zum größten Teil fertig. Gesundheitspark: 3,3 Hektar sind für einen Gesundheitspark reserviert für Dienstleistungen "aus den Bereichen Gesundheit und Soziales, auch stationäre und ambulante Einrichtungen", die "vorbeugendem Gesundheitsschutz" dienen sollen. Hier sollte einst ein 20-Millionen-Euro-Neubau für TCM-Klinik entstehen. Wohnbebauung Einzelbaugrundstücke: Von 30 Grundstücken sind 19 verkauft. Es gibt drei Reservierungen. Mehrgenerationen-Wohnen: Es gibt zwei Bauträger, die Mehrfamilienwohnhäuser mit jeweils zehn bis 13 Wohneinheiten planen. Eine Firma aus Cochem-Brauheck will Ende März/Anfang April mit dem eines Mehrfamilienwohnhauses beginnen. Daneben liege von einem heimischen Bauträger eine Planung vor. Dort soll auch ein Spiel- und Erlebnisplatz entstehen. Der Bürgerverein St. Paul hat dazu im Stadtrat ein Schreiben vorgelegt, in dem es heißt: "Es sollte nun noch eine Lösung für das Ziel ,Gemeinschaftsräume\\' gefunden werden. Sie gehören unbedingt zu diesem Konzept." Weiteres Projekt: Mit einem Bauträger aus der Region Trier seien überwiegend Mietwohnungen geplant, zu denen derzeit "finale Planungs- und Finanzierungsgespräche" stattfinden. Tierarzt: Ein Tierarzt ist angesiedelt. Kindertagesstätte: Das Gelände ist erschlossen, aber nicht bebaut. Landwirtschaft: Die Justizvollzugsanstalt bleibt mit ihrem Betrieb bestehen. Energiezentrale: Sie soll den größten Teil des Wohngebiets abdecken. Sie versorgt das Kerngebiet mit Energie zum Heizen und Warmwasser. Alten- und Pflegeschule: Dafür ist Gelände reserviert. Ob es zur Umsetzung kommt, bleibt ungewiss. Mischgebiet: Dazu gibt es noch keine konkreten Planungen. Vorgesehen waren für die Erdgeschosse Gewerbe wie Friseur, Bäckerei, Café, medizinische Fußpflege. sos