Wunschzettel für Wittlichs Türmchen

Wunschzettel für Wittlichs Türmchen

Klitzeklein, uralt und einzigartiger Zeitzeuge von Wittlichs Weg hin zur Stadt: Das Türmchen ist ein Überbleibsel der ehemaligen Stadtbefestigung. Wie man es künftig nutzen könnte, ist ungeklärt. Ideen gibt es einige, eine davon ist eine Art ausbaufähiges Briefkastenprojekt.

Wittlich. Wie sieht es hinter der Holztür am Ende der Burgstraße aus? Sie führt hinter der bekannten Fassade mit Kreuz, Fensterchen und Löwenmaske hinein in Wittlichs älteste Immobilie: das Türmchen, einst Teil der Stadtbefestigung neben Himmeroder und Trierer Tor, die längst verschwunden sind.
Vor der Pforte ins Innere stand des Öfteren Helke Salzburg. Sie hat als Architektin gearbeitet, und das Türmchen reizt sie. Sie hat aus Sicht des rund 700 Jahre alten Hauses einen Wunschzettel geschrieben.
Idee: Tagebuch vieler Bürger
"Und meine Hoffnung ward gestärkt, dass ich Besuch krieg' irgendwann" - "Am Tisch säh' ich dann jemand sitzen und seinen Federhalter blitzen, und später schließt er wieder zu und ich hätt' wieder meine Ruh'". Das lässt die schmale Dame das buckelige Wahrzeichen sagen, das anders als andere stadtbildprägende Gebäude für die Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich, weil vermietet war.
Jetzt steht es leer. Das Denkmal auf möglichst unkomplizierte Weise wiederzubeleben, das ist Helke Salzburgs Privat-Projekt sozusagen. Sie hat es schon getauft: "Wittlicher Tagebuch" und stellt sich das Ganze so vor: Wer will, kann dem Haus Nummer 57 in der Burgstraße schreiben: Stadtgeschichten und Ähnliches mit lokalem Bezug. Einzige Bedingung: Die Tagebuch-Post soll in einer gelochten Klarsichthülle stecken, damit sie einfach Ordner füllen kann. Um das Sammeln der Beiträge für das Wittlicher Tagebuch, an dem alle Bürger mitschreiben könnten und das das Türmchen symbolisch eint, will sich die Ideengeberin kümmern. Sie sammelt schon seit Neujahr Material dazu.
Warum macht sie sich so viele Gedanken? "Für mich hat das Türmchen ein Gesicht, wie ein alter Mensch, mit starkem Aufforderungscharakter. Vor allem, weil es leer steht und man die Erfahrung macht, dass so etwas abgerissen werden könnte, denn es verursacht ja Kosten. Man könnte es aber so nutzen, dass es im Blickpunkt steht, aber man sich nicht auf eine Nutzung als Wohnung fixiert. Aus meiner Sicht hätte meine Idee auch den Vorteil, keine zusätzliche finanzielle Belastung zu bringen."
Außerdem nennt sie die Plus-Punkte wie Bürgerbeteiligung, Erweiterungsmöglichkeiten, mögliche Zusammenarbeit mit anderen Kulturaktivitäten, keine Vorlaufzeit. Als Voraussetzungen nennt sie: eine öffentliche Vorstellung, um es in die Diskussion zu bringen. Und sie bräuchte einen Schlüssel, um den Briefkasten zu betreuen plus die Erlaubnis, die Postadresse zu nutzen.
Sie stellt sich auch vor, ab und an im Türmchen zu sitzen, um am Projekt zu arbeiten und Besuchern die bislang verschlossene Tür zu öffnen. Aber: "Ich rede ja wie der Blinde von der Farbe. Ich muss da unbedingt mal rein."
Das hat Elke Scheid, Kulturamtsleiterin, bereits erleben können. Sie ist offen für weitere Vorschläge, wie eine künftige Nutzung des kleinen, verwinkelten Gebäudes aussehen könnte und sagt: "Man darf sich keine falschen Vorstellungen machen. Einen Ballsaal gibt es hier nicht."

Was meinen die TV-Leser? Hier Vorschläge zur künftigen Nutzung des Türmchens:

Markus Pohl, Großlittgen:
"Ich könnte mir ein "lebendiges Museum" dergestalt vorstellen, dass dieses Wächterhaus historisch eingerichtet als Stützpunkt und Gerätelager einer Stadtwache/Bürgerwehr, eventuell mit Nachtwächter, fungiert. Diese historische Gruppe könnte offizielle Anlässe der Stadt optisch und/oder akustisch bereichern und aufwerten. Gleichsam sollte diese Gruppe die Geschichte der Stadt/der Region mitaufarbeiten und Interessenten einen Zugang zu den Räumlichkeiten oder der Historie verschaffen. Orte mit einer Stadtwache/Bürgerwehr sind eigentlich immer ein Anziehungspunkt. Eine Aufarbeitung und Darstellung der eigenen Geschichte wird immer positiv aufgenommen, "Jung und Alt" kommen zusammen. Wichtig ist, dass nicht irgendein Fantasy-Kram aufgezogen wird. Die regionale Geschichte sollte im Vordergrund stehen."

Alfons Meuers, Manderscheid:
"Seit dem Mittelalter war das Torhaus in Wittlich ein Ort vielfältiger menschlicher Begegnung. Diese Tradition solle man wieder beleben und das Türmchen zugänglich machen, etwa durch Einrichtung einer mittelalterlichen Schreib- und Amtsstube, in der auf Wunsch standesamtliche Trauungen in historischer Gewandung der Amtsträger stattfinden könnten. Vielleicht ein Beitrag zur touristischen Weiterentwicklung der Stadt Wittlich."

Elisabeth von den Hoff, Wittlich:
"Wir haben heute viele Fragen an das Haus: Wurde es nur zur Verteidigung gebaut oder war es von Anfang an als Wohnhaus konzipiert, vielleicht für den Nachtwächter? Wie hat man geheizt? Wie sahen Feuerstelle und Rauchabzug aus, wie die ursprüngliche Treppe aus? Welche Fenster sind später eingebaut worden? Antworten gibt es nur, wenn das Innere sorgfältig untersucht wird. Die architekturgeschichtlichen Merkmale muss man erst freilegen und erhalten. Danach kann man ein Nutzungskonzept entwerfen. Dann findet sich auch ein ,Liebhaber alter Steine\' mit Visionen (Wohnung für einen Stadtschreiber, kleines Geschäft oder Museum für Stadtgeschichte). Das Türmchen sollte nach einer sparsamen Instandsetzung nicht wieder völlig verschlossen bleiben, mindestens das Erdgeschoss sollte für zeitweilige Besichtigungen zugänglich sein. Nur wenn man ein Haus kennt, lernt man es schätzen und achten."

Harry Rensch, Alsfeld:
"Als sinnvolle Nutzung des Burgtürmchens, an dem ich auf meinem Schulweg von der Marienstraße zur Karrstraße täglich vorbeikam, ist eine Wohnung für einen Stadtschreiber oder -zeichner denkbar. Die Stadt müsste jährlich die Stelle an begabte junge Menschen vergeben und diese gegen ein Stipendium ,arbeiten\' lassen. Dabei hätte sie ein Vorkaufsrecht auf die angefertigten Werke, müsste aber auch eine Plattform anbieten, diese der Bevölkerung zu präsentieren (Ausstellung, Tag der offenen Türmchentür …)."

Claudia Jacoby, Wittlich:
"Die Kulturarbeit in Wittlich könnte durch die Verleihung eines kommunalen Literaturpreises ausgeweitet werden. Der Preis könnte eine Nutzung des Türmchens als Wohnung oder Schreibstube (zeitlich begrenzt) und mit einer zusätzlichen kulturellen Aufgabe verbunden sein. Der Preisträger sollte seine Ergebnisse der Schreibarbeit während seines Aufenthaltes im Türmchen in Lesungen vortragen. Neben regionalen Schriftstellern sollten alle Autoren angesprochen werden, die sich in Ihren Werken mit Wittlich und der gesamten Region verbunden fühlen und dies auch in ihren Büchern zum Ausdruck bringen."

Axel Thiel, Wittlich:
"Das Wittlicher Türmchen sollte in seiner Ausstattung und Zielrichtung als zentraler Zimmer- und Quartiernachweis für den Wittlicher Tourismus genutzt werden. So haben dann auch Tagesgäste (zum Beispiel Radfahrer) ein markantes und leicht auffindbares Anlaufziel, um ihren Aufenthalt in unserer Stadt zu verlängern."
volksfreund.de/video