Zeit des Erinnerns!

Der Herbst schenkt uns eine Welt mit wunderbaren Farben, die unsere Augen erfreuen. Die Bäume werfen ihre Blätter ab und der Wind treibt sie vor sich her.

Raschelnd bewegen sie sich und bleiben schließlich liegen. Ihre Zeit ist vorbei. So hat alles in unserem Leben einen Anfang und ein Ende. Menschen begleiten uns und sie verlassen uns wieder. Und wenn sie von uns gehen können wir sie zwar um nichts mehr bitten, ihnen nichts Liebes mehr zukommen lassen, aber wir können etwas in ihrem Sinn tun. Und in den Momenten, in denen wir handeln wie der Verstorbene gehandelt hätte, in diesen Momenten können wir das Gefühl haben, dass er durch unser Handeln lebendig bleiben kann. Wer sich mit einem Menschen stark verbunden fühlte, wird ihn auch nach seinem Tod nicht einfach aus seinem Leben verbannen. Wie oft mag es geschehen, dass jemand, der vor einer Entscheidung steht, im Stillen den Menschen zu Rate zieht, der ihm einst zur Seite stand?
Je stärker wir mit einem Menschen verbunden waren, desto lebendiger bleibt er auch nach seinem Tode in uns, in unserer Erinnerung. Das Bild, das wir dann von ihm vor unserem inneren Auge erblicken, ist die Form seines "Bei-uns-seins" und "Bei-uns-bleibens". Und manchmal geschieht es auch, dass sich die Verstorbenen - so scheint es - bei uns "melden".
Plötzlich sehen wir in der eigenen Hand, wenn sie eine bestimmte Bewegung macht, die Hand des Vaters. Oder in einem Gespräch hören wir uns sprechen wie einst die Mutter, die gleichen Worte, der gleiche Tonfall. Sollte uns so etwas erschrecken? Ich denke es sollte uns eher erfreuen. Die Verstorbenen sind ein Teil von unserem eigenen Leben.
Und, wenn wir uns ab und zu nun besonders an sie erinnern, dann mag ihr Grab die Stätte sein, an der wir ihrer irdischen Hinfälligkeit gedenken. Ihre stille Gegenwart kann für uns dann die tröstliche Gewissheit einer unlösbaren Bindung sein, einer unwiderruflichen Gemeinschaft. Wobei letztlich nicht in Gedenken und Erinnern die gemeinsame Zukunft liegt, die über den Tod hinausreicht; sondern sie finden wir bei Gott, in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, die uns gewiss ist in alle Ewigkeit.

Uschi Fusenig, Prädikantin

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