Zwölf Uhr Mittags in Wittlich

Es ist Jahrzehnte her, dass Passanten am Alten Bahnhof in Wittlich Zugtickets lösten. Der Bundeskanzler hieß noch Helmut Kohl, Deutschland war in die Bundesrepublik und die DDR geteilt.

Das ändert nichts daran, dass sich manchmal immer noch unwissende Touristen in das Gebäude verirren, das Hannah Murray (links im Bild) im Jahr 2006 ersteigert hat. "Sie fragen dann, wann der nächste Zug fährt", erzählt die US-Amerikanerin - und lacht herzlich. Murray hat die Immobilie in den vergangenen Jahren nach ihren Wünschen umgestaltet. Sie führt ein Restaurant und stellt Werke internationaler Künstler aus. Der Naturschutzbund tagt gerne hier, auch Freunde der Meditation. Denn die Räume bietet sie für Veranstaltungen an. Häufig strömen Schüler vom Busbahnhof in ihren Laden, weil sich herumgesprochen hat, dass sie gerne Kekse verschenkt. Nun sind Ferien - und es geht ruhiger zu. Sie steht in der Küche und kocht. An den Tischen sitzt an diesem Tag eine Gruppe, die sich jeden Donnerstag im Alten Bahnhof trifft. Und vegan isst. Die Idee hatte Hilde Hammel (rechts im Bild), die durchaus selbstironisch ist. Ja, mein Name passt irgendwie nicht wirklich zur veganen Gruppe", sagt sie. Aber egal. Sie ist seit 1980 Vegetarierin, seit 2010 Veganerin - und genießt mit den neuen Bekannten die Auberginen, den Maiskolben und den Salat, den Murray auftischt. Die Amerikanerin sagt: "Meine Tür steht immer offen. Das ist mein Beitrag für die Gemeinschaft." Hammel respektiert Murray dafür, was sie aus dem Alten Bahnhof gemacht hat. "Sie kocht gerne für andere und hat es hier richtig schön gemacht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass das Gebäude lange Zeit nur verrottet ist. Bis sie kam", sagt die 56-Jährige, die bei dem Stammtisch die einzige echte Veganerin ist. Die vier anderen Gäste am Tisch essen auch mal Fleisch, lassen sich aber genauso von fleischfreier Kost überzeugen. Hammel sagt: "Hier in dem Haus fühle ich mich verstanden - das ist in Wittlich nicht immer so." Die Säubrennerkirmes habe sie gemieden. Sie meint: "Ich würde mir wünschen, dass das Fest von dem Gehabe mit dem Schweineschlachten runterkommt." Dann geht es wieder an das Essen. Auch dem TV-Reporter bringt Hannah Murray einen Teller mit veganen Gerichten. "Damit Sie sehen, dass eine Mahlzeit auch ohne Steak schmeckt."flor In dieser Rubrik wird einmal in der Woche die Stimmung in der Stadt eingefangen. Wir stehen um 12 Uhr an einem belebten Platz, beobachten und fragen nach, was Wittlicher sich für ihre Stadt wünschen.