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Am 5. November ist Schluss

Die Tage als Kirche sind gezählt: St. Paulus am Trierer Paulusplatz. TV-Fotos (2): Roland Morgen
Die Tage als Kirche sind gezählt: St. Paulus am Trierer Paulusplatz. TV-Fotos (2): Roland Morgen FOTO: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"
Trier. 110 Jahre nach der Erbauung: Trierer Altstadtkirche St. Paulus wird in fünfeinhalb Wochen entweiht. Wer das ausgediente Gotteshaus anschließend nutzt, steht noch in den Sternen. Roland Morgen

Trier Es war an Gerhard Schwetje, die, wie er selbst sagt, "schmerzliche Nachricht" zu übermitteln. Der 81-jährige Ruhestandspfarrer teilte gegen Ende des vorletzten Sonntagsgottesdienstes in St. Paulus mit, dass dies seine letzte heilige Messe in dieser Kirche sei. Denn am 5. November werde das Gotteshaus profaniert, sprich entweiht.
Schwetje, der aushilfsweise 15 bis 20 Gottesdienste monatlich in Pfarreien und Altenheimen hält, war "auch persönlich sehr berührt. St. Paulus ist eine schöne Kirche."
Aber eine ohne Zukunft in dieser Funktion. Das steht seit fast zehn Jahren fest. Im Herbst 2016 hat die Pfarrgemeinde selbst den Entweihungsprozess eingeleitet und beim Bischof die Profanierung beantragt (der TV berichtete). Dass dem stattgegeben würde, stand außer Frage.
Zahlen sprechen für sich. Bei der Weihe 1907 war St. Paulus Gotteshaus für die 6000 Katholiken der Pfarrei in der nordwestlichen Altstadt. Heute leben im Pauluser Einzugsbereich nur noch wenige Hundert Menschen katholischen Glaubens. Die meisten davon sind keine Gottesdienstbesucher. Seine letzte Paulus-Messe hielt Schwetje vor "vielleicht 40 Gläubigen". Was relativ viel war, denn normalerweise liege die Teilnehmerzahl "sonntags oft bei unter 20", sagt Hans-Günther Ullrich. Der 56-jährige Geistliche ist seit dem altersbedingten Ausscheiden von Pfarrer Hans Wilhelm Ehlen (74) im vergangenen März der Pfarrverwalter, also Interims-Chefseelsorger, in der Trierer Innenstadt-Pfarrei Liebfrauen. Die ist 2000 entstanden durch die Fusion von fünf Pfarreien, darunter St. Paulus. Jetzt sei der Punkt erreicht, an dem es keinen Sinn mehr mache, alle fünf Gotteshäuser vorzuhalten: "Auch wenn es hart klingt: Angesichts der heutigen Realitäten brauchen wir St. Paulus nicht mehr", erklärt Ullrich.
"Ja, das ist hart. Sehr hart", findet Reinhold Lofy (61). Der "Ur-Pauluser", der viele ehrenamtliche Funktionen in seiner Pfarrei wahrgenommen hat, besucht regelmäßig die Sonntagsgottesdienste in St. Paulus und kritisiert, die Pfarrangehörigen würden vor vollendete Tatsachen gestellt: "Die Umgehensweise mit unserer Kirche hat einen faden Beigeschmack und mit offener Kommunikation nichts zu tun", schreibt er an Weihbischof Franz Josef Gebert.
Die beiden werden sich bald wohl persönlich begegnen: Gebert hält den Profanierungsgottesdienst am ersten November-Sonntag (15 Uhr). Es soll, so kündigt Pfarrverwalter Ullrich an, eine würdige Abschiedsfeier werden für die Menschen, für die dieser Schritt besonders schmerzhaft ist. Nach der Messe, in der das Profanierungsdekret verlesen wird, werden der Kelch und die Hostien in einer schlichten Prozession in die rund 400 Meter entfernte Marktkirche St. Gangolf gebracht. Einerseits Symbolakt der Entweihung, laut Ullrich aber auch "eine klare Botschaft: Es geht in nächster Nähe weiter."
Wie es mit der Pauluskirche weitergeht, steht noch in den Sternen. "Wir sind offen für eine angemessene und sinnvolle Nachnutzung", erklärt der Verwaltungsratsvorsitzende Thomas Schiffler (58). Am ehesten als neue Nutzer infrage kommen nach TV-Informationen die Hochschule (HS) und die Stadt. Denn das Gotteshaus liegt in unmittelbarer Nähe zweier HS-Standorte, des Berufsschulzentrums und der Ausonius-Grundschule. Eine gemeinsame Aula wäre laut Schiffler "eine Lösung, die wir uns in der Tat vorstellen könnten". Interessenbekundungen von Land und Stadt gebe es, mehr aber auch nicht. Deshalb würde weiterhin ergebnisoffen diskutiert. Es müsse nicht zwangsläufig auf einen Verkauf hinauslaufen: "Wir sind auch für eine Erbbaurechtslösung offen." Auch diesem Wege könnte sich die Pfarrei hoher finanzieller Belastungen entledigen. Den Kirchenbau in Schuss zu halten, kostet jährlich einen Betrag "im oberen fünfstelligen Bereich". Zudem mussten kürzlich ungeplant rund 130 000 Euro aufgebracht werden, um Steinschäden zu reparieren.
Dass ausgerechnet St. Paulus, die mit 110 Jahren jüngste der Kirchen in Triers Altstadt, dichtgemacht wird, liegt wohl auch an der Umgebung, die sich von der Wohngegend zum Behörden- und Schulenstandort gewandelt hat. Trost für die Gläubigen: St. Gangolf (Hauptmarkt), St. Antonius (Viehmarkt) und die Hauptkirche Liebfrauen liegen in fußläufiger Entfernung. Nur St. Agritius liegt außerhalb des Alleenrings.Extra: HIERONYMUS-JAEGEN-GRAB WIRD NACH GANGOLF VERLEGT


Eine direkte und umfassende Neunutzung nach der Schließung wird es nicht geben. Denn die Pauluskirche beherbergt das Grab von Hieronymus Jaegen (1841-1919), der als "Triers heimlicher Heiliger" verehrt wird. Der von der Pfarrei geplanten und vom Jaegen-Bund befürworteten Verlegung der Grabstätte nach St. Gangolf am Hauptmarkt muss die Heiligsprechungskongregation des Vatikans zustimmen. Das könnte noch eine Welle dauern, möglicherweise bis zum 100. Todesjahr (1919), schätzen Beobachter. So lange wird das Jaegen-Grab in der Seitenkapelle weiterhin erreichbar sein. Mit Jaegen nach St. Gangolf "umziehen" wird auch Dechant Johann Jakob Roschel (1854-1933). Der Pfarrer war treibende Kraft beim Bau der Pauluskirche. Auch er wurde dort beigesetzt.

FOTO: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"