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Berühmter Riese aus Schiefer

Hinter den Giebeln der Stadt zieht er sich hoch, in einer großen dunklen Wand aus Schiefer - der Bernkasteler Doctor. Der edle Rebensaft aus dem Steilhang zählt zu den Glanzlichtern deutscher Weinkultur. In unserer Serie "Stadtgeschichte(n)" geht es heute um berühmte Doctor-Konsumenten. Von unserem Mitarbeiter Torsten Lauterborn

Bernkastel-Kues. Das raffinierte Geschäft des Bernkasteler Bürgermeisters Peter Kunz mit dem Handelshaus Deinhard verhalf der Lage zum Durchbruch: Für aufsehenerregende 100 Mark pro Stock verkaufte der Stadtchef im November 1900 seine Doctorweinberge - ein unglaublicher Preis für die damalige Zeit.

Die ganze Fachwelt horchte auf, denn nie zuvor war so viel für Weinlagen an der Mosel gezahlt worden.

Seitdem wird dem Doctor unter deutschen Weinen eine Sonderstellung eingeräumt, sein Nimbus kommt dem gesamten Weinbaugebiet zugute. Herausragenden Stellenwert bescheinigt ihm auch Hugh Johnson: In seinem "Weinatlas" kürt der Kritiker den Doctor zum "großartigsten Moselweinberg".

Ein Blick in die Geschichtsbücher beweist, wie begehrt der besondere Rebensaft selbst bei den Mächtigen in London, Washington und Moskau war:

Eduard VII. - von 1901 bis 1910 König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland und Kaiser von Indien - war offenkundig schwer überzeugt von der Heilkraft des berühmten Moselweins. Belegt ist jedenfalls, dass der Herrscher den Doctor sozusagen als "Medizin" zu sich nahm. Im Jahr 1892 hatte das Königshaus erstmals Doctorwein bestellt.

Auch Kaiser Wilhelm II. - ein Neffe Eduards - soll den Bernkasteler Wein genossen haben. Lord Mayor von London hatte Seine Majestät 1907 zum Festmahl in die Guildhall eingeladen. Damals wurde eine "Berncasteler Doctor Auslese" als besondere Köstlichkeit gereicht.

Ebenfalls ein großer Doctor-Fan: General Dwight D. Eisenhower, in den Jahren 1953 bis 1961 Präsident der Vereinigten Staaten. Der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa soll den Wein während der Besatzungszeit nach dem Krieg kennen und schätzen gelernt haben. Auch nach seiner Präsidentschaft freute er sich noch über Doctorpräsente aus Deutschland.

Doch auch heimische Politiker waren stets überzeugt vom Bernkasteler Wein: 1965 wurde dem damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard bei einem Besuch im Bernkasteler Ratskeller protokollgemäß ein halber Becher 1959er Beerenauslese kredenzt. Des Kanzlers Äuglein sollen gestrahlt haben, nachdem er den Becher in einem Zug bis zum Grund geleert hatte: "Habt ihr noch was davon? Aber ein bisschen mehr!"

1955 machte bereits Erhards Amtsvorgänger Konrad Adenauer - bekannt als Liebhaber köstlicher Moselweine - mit dem Doctor Politik. Für seinen Moskau-Besuch im September 1955 soll der "Alte" gleich eine ganze Kiste des Jahrgangs 1949 bestellt haben. Adenauers Verhandlungspartner Nikolai A. Bulganin, Ministerpräsident der Sowjetunion, muss der Traubensaft offensichtlich gemundet haben - der Kanzler erreichte nicht nur die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Moskau, er sorgte auch für die sensationelle Freilassung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen.

Historiker zählen die "Heimkehr der Zehntausend" heute zu den bedeutendsten Verdiensten des ersten Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland - der namhafte Doctor aus Bernkastel mag süße Unterstützung geleistet haben.