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Religion
Die katholische Kirche will sich wandeln

Bernkastel-Wehlen: Der November zaubert, wenn der Morgen-Nebel sich noch nicht aufgelöst hat, stimmungsvolle Bilder im Moseltal, wie hier in Wehlen. Die Pfarrkirche St. Agatha, die „Alte Kirche“ und die Hängebrücke ragen schemenhaft aus dem Nebel hervor
Bernkastel-Wehlen: Der November zaubert, wenn der Morgen-Nebel sich noch nicht aufgelöst hat, stimmungsvolle Bilder im Moseltal, wie hier in Wehlen. Die Pfarrkirche St. Agatha, die „Alte Kirche“ und die Hängebrücke ragen schemenhaft aus dem Nebel hervor FOTO: Uwe Praus
Bernkastel-Kues. Eine Predigtreihe soll in der Pfarreiengemeinschaft Bernkastel-Kues für frischen Wind sorgen und den Menschen mehr Bedeutung geben. Von Clemens Beckmann
Clemens Beckmann

Wenn die Kirchenbesucher nach einem Gottesdienst über etwas reden, dann ist es die Predigt. War sie an den Menschen orientiert, griff sie ein aktuelles Thema auf oder war sie nur auf die Bibel ausgerichtet? Egal wie: An den kommenden Wochenenden kommt den Predigten in der Pfarreiengemeinschaft Bernkastel-Kues eine besondere Bedeutung zu – zumindest sollen sie, so Dechant Georg Moritz, eine besondere Dimension haben.

Dahinter steckt die Entwicklung der katholischen Kirche im Bistum Trier und die damit verbundene Synode. Wie mehrfach berichtet soll die Zahl der Pfarreien von derzeit mehr als 800 auf wahrscheinlich 33 reduziert werden.

 Dechant Georg Moritz
Dechant Georg Moritz FOTO: Beckmann, Clemens / TV

Ein Schritt im Kleinen ist vielerorts bereits gegangen worden. An der Mittelmosel beispielsweise gibt es schon die Pfarreiengemeinschaft Bernkastel-Kues. Ihr gehören die Pfarreien Bernkastel, Kues, Lieser, Wehlen, Ürzig, Zeltingen, Rachtig, Lösnich, Erden und Graach mit etwa 10 000 Katholiken an. 2020 soll diese Einheit erweitert werden, unter anderem um viele Hunsrückgemeinden.

Als Georg Moritz an die Mosel kam, übernahm er die Pfarreien Kues und Lieser. Mittlerweile sind es zehn Gemeinden, für die er direkt zuständig ist. Dazu kommt noch die Verwaltung im Raum Thalfang. Moritz weiß natürlich um die Befindlichkeiten. „Es gibt Unruhe,  viel Wirbel aber auch  viel Unwissenheit“, sagt er. Und er meint nicht nur die Gläubigen sondern auch die vielen ehrenamtlich Tätigen.

Die räumliche Veränderung ist die eine große Veränderung. Doch es gebe, so Moritz, auch eine inhaltliche Dimension. Die Seelsorger sollen ihren großen und kleinen Schäfchen anders gegenübertreten – als Partner.  Darauf zielt die Predigtreihe ab.

Zum Rahmen: An jedem der kommenden vier Wochenenden wird in den Gottesdiensten in der Pfarreiengemeinschaft die gleiche Predigt gehalten. Dechant Moritz predigt am Samstag in Wehlen (18.30 Uhr) und am Sonntag in Rachtig (9.30 Uhr), Kues (10.45 Uhr) und Bernkastel (18 Uhr). Seine Predigt steht unter dem Motto: Vom Einzelnen her denken. An den folgenden Wochenenden übernehmen diesen Part Kaplan Marcel Rieck, Diakon Hermann Hower und Gemeindereferentin Monika Bauer-Stutz.

Die Predigtreihe endet am  5. Februar, im Jugendheim Kues. Dort können sich, so Moritz, alle „Fragenden, Zornigen, Suchenden, Empörten, Zweifelnden und Neugierigen“ ab 19 Uhr äußern. Sie können zum Beispiel fragen, was mit dem Geld der einzelnen Pfarreien geschieht. Er werde den Leuten die  Befürchtungen nehmen können, sagt Moritz.

Spannend verspricht etwas Anderes zu werden. Die Kirche wolle von der Praxis abgehen, Vorgaben zu machen. Sie wolle den Menschen anders gegenübertreten. „Wir müssen sie  fragen: Wer bist du, was machst du? Wir müssen jedem Menschen, ob gläubig oder nicht, seinen Wert zugestehen und nicht unsere Werte zum alleinigen Maßstab nehmen“, sagt der Seelsorger. Gleichzeitig müssten die streng gläubigen Menschen bei der Stange gehalten werden.

Einer seiner Sätze in der Predigt lautet: „Trauen wir uns Altbewährtes hinter uns zu lassen und neu zu denken.“ Und damit, das sagt er gegenüber dem TV, meine er nicht die logistische Veränderung.

„Ich bin gespannt und lasse mich überraschen“, sagt Daniela Werland (Zeltingen-Rachtig), die Vorsitzende des Pfarreienrates. „Es ist gut, dass die Kirche auf die Leute zugeht.“, fügt sie an. Es gebe noch viel Informationsbedarf, zum Beispiel über die Gelder der einzelnen Pfarreien. „Ich hoffe, dass die Kirche sich wandelt“, sagte die engagierte Frau, die seit zwei Jahren an der Spitze des Pfarreienrates steht.

Meinung: Ein gutes Zeichen in einer verrückten Welt

Zuerst kommt der liebe Gott und dann erst einmal nichts mehr. So haben manche Seelsorger bisher die Welt betrachtet. Kommt nun der große Umschwung?  In der Pfarreiengemeinschaft Bernkastel-Kues steht er zumindest auf dem Programm. Die Kirche will  ohne Hintergedanken mit den Menschen in Kontakt kommen. Sie will ihr Gegenüber als wertvolles Individuum sehen und nicht in erster Linie als treuen Kirchengänger, der nichts hinterfragt. Ein hoch gestecktes Ziel, eine hochspannende Aufgabe — ein gutes Zeichen in einer Welt, die immer verrückter und immer unberechenbarer zu werden scheint. Vielleicht kommt auf diese Weise wieder Orientierung unter die Menschen. Vielleicht hören sie einander wieder mehr zu.

c.beckmann@volksfreund.de