| 16:43 Uhr

Gesellschaft
Verse geraten in die Schlagzeilen

Noch ist die große Wand der Burg Landshut leer. Es gibt eine Diskussion, sie künstlerisch zu gestalten.
Noch ist die große Wand der Burg Landshut leer. Es gibt eine Diskussion, sie künstlerisch zu gestalten. FOTO: Kimmling Klaus / Trierischer Volksfreund
Bernkastel-Kues. Ein angeblich sexistisches Gedicht an einer Berliner Uni verschwindet. Die 20 Worte könnten bald an der Burg Landshut  prangen.
Clemens Beckmann

Die über Bernkastel-Kues thronende Burg Landshut hat durch die Sanierung an Attraktivität gewonnen. Er sei schon mehrfach mit Besuchern dort gewesen, sagt der Bernkastel-Kueser Gerhard Lenssen. „Alle waren begeistert“, berichtet er. Allerdings sei immer eine Frage gestellt worden. Welche Funktion hat die hohe Betonwand am Eingang? Die Antwort: Die Wand soll den dahinter liegenden Aufzug verbergen. Das Gerät ist im Zuge der Sanierung eingebaut worden, um die Burg barrierefrei zu machen.

Lenssen macht sich Gedanken: „Sehe ich die blanke Oberfläche der Betonwand, kann ich mir gut vorstellen, dass es nicht mehr lange dauert, bis ein wild gewordener Grafittisprayer sich dort verewigt haben wird“, sagt er. Er schlägt eine künstlerische Gestaltung vor. „Der Künstler, noch mehr aber Bernkastel-Kues, würden weltweit bekannt“, sagt er. Ob das so wäre, sei dahingestellt.

Ganz aktuell hat der Diplom-Ingenieur aber eine weitere Idee. Und deren Umsetzung würde die Stadt in die Schlagzeilen bringen.

Lenssen schlägt in einem Leserbrief (TV vom 14. Februar) vor,  ein Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer auf der Wand zu verewigen. Welche Schlagzeilen das bringt? Nun: Das aus 20 spanischen Worten bestehende Gedicht steht seit sechs Jahren auf einer Wand der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Der Allgemeine Studierendenausschuss hält es für sexistisch und frauenfeindlich. Der Akademische Senat beugt sich dem Druck. Er hat beschlossen das Gedicht übermalen zu lassen. Hier die Übersetzung des 1951 entstandenen Gedichts von Gomringer: „Alleen/Alleen und Blumen/Blumen/Blumen und Frauen/Alleen/Alleen und Frauen/Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.“

„Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine  klassische patriarchalische Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren“, zitiert das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Studierendenvertreter. „Es erinnert unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind“, sagen sie weiter.

Gomringer, mittlerweile 93 Jahre alt, kritisiert das Vorgehen. „Das ist ein Angriff auf die Freiheit von Kunst und Poesie“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Bernkastel-Kues soll dem Gedicht eine neue Heimstatt bieten“, wünscht sich Gerhard Lenssen. Das werde in der gesamten Kunstwelt ein großes Echo finden. Lenssen hat bereits Reaktionen erhalten. „Sie gehen von unverständlich und fast ärgerlich bis zu begeisterter Zustimmung“, sagt er.

Entscheidend ist die Haltung der Stadt. „Von Spraykunst halte ich nicht viel. Mit einem vernünftigen Spruch könnte ich mich abfinden“, sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port. Als solchen sieht er das Gomringer-Gedicht. Der Ältestenrat werde sich mit dem Thema beschäftigen.

Was ist Ihre Meinung? Soll das Gedicht an der Wand der  Burg Landshut seinen Platz finden? Schreiben Sie uns an mosel@volksfreund.de

An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule ist ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer zu sehen.
An der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule ist ein Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer zu sehen. FOTO: Britta Pedersen / dpa