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Die Schulzeit ist vorbei

Gerd Winkler weiß ganz genau, wo im Haus die alte F-Flöte liegt. Spielen kann er allerdings nicht mehr darauf.Foto: Petra Geisbüsch
Gerd Winkler weiß ganz genau, wo im Haus die alte F-Flöte liegt. Spielen kann er allerdings nicht mehr darauf.Foto: Petra Geisbüsch
WITTLICH. Zwei Generationen Schüler hat er in seinen Berufsjahren mitgeformt. Heute ist sein letzter Tag als Lehrer an der DOS: Für Gerd Winkler beginnt die Passivphase der Altersteilzeit. ARRAY(0x1c2e80a00)

Es ist Zeit seines Lebens sein Handwerk gewesen, Menschen etwas zu erklären. Und so kann Gerd Winkler auch vermitteln, was denn die in seinem Lebenslauf verzeichnete "Passivphase" der Altersteilzeit ist. "Meine wirkliche Pensionierung findet erst in dreieinhalb Jahren statt", sagt er. "Die vergangenen dreieinhalb Jahre habe ich noch in Vollzeit gearbeitet. In den kommenden dreieinhalb Jahren dagegen werde ich gar nicht mehr arbeiten."Spielplatz in der Kirchgass

Von der insgesamt geleisteten Stundenzahl her kommt er somit auf das gleiche Ergebnis, als hätte er sieben Jahre lang eine halbe Stelle besetzt. Der 1942 in Essen geborene Bursche kam 1950 nach Wittlich, wo er am Cusanus-Gymnasium sein Abitur schaffte. Gewohnt hat seine Familie in der Burgstraße 22, "da, wo bis vor kurzem der Sportladen Menke war." Sein Spielplatz war weitgehend die Kirchgass´. Nach seiner Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Trier begann er im Juni 1964 blutjung die Lehrertätigkeit. An der damaligen katholischen Volksschule Bergweiler unterrichtete er eine von zwei Klassen: Die Jungs und Mädchen vom fünften bis zum achten Schuljahr. Eine große Auswahl an Personal hatte man nicht, und so fungierte Winkler bereits als 22-Jähriger als Schulleiter. 1969 wurde zum Jahr der großen Veränderungen. Mit der Abschaffung der Volks- und der Einführung der Hauptschulen bekam Wittlich auf dem Sehlemet eine der ersten Hauptschulen der Region. In Bergweiler löste sich die zweite Klasse auf, Winkler ging gemeinsam mit seinen Schülern fortan in Wittlich zur Schule ­ und heiratete seine Annelie. Drei Söhne haben sie großgezogen, sind bis heute glücklich miteinander, und teilen inzwischen großelterliche Freuden: Drei süße Enkelinnen bereichern ihr Leben.Erst Gitarre, dann Flöte

Erst ab 1969 lernten die Schüler auch Englisch. Crash-Kurse wurden seitens der Lehrerschaft absolviert, die teilweise auf altsprachlichen Gymnasien gewesen waren und damit selbst der Sprache nicht mächtig. Winkler war fein raus: Er beherrschte die Sprache und unterrichtete sie gerne, fuhr auch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auf Klassenfahrt nach England. Daneben war er hauptsächlich in den Fächern Mathematik und Sport eingesetzt. Sogar das in den 70-er Jahren kurzzeitig eingerichtete Sonderturnen für Menschen mit Haltungsschwierigkeiten hat er gegeben: "Ich denke, heute würde man Krankengymnastik dazu sagen." Während seiner Ausbildung hatte er die Widrigkeiten des Lebens kennen gelernt: Damals war das Spielen eines Instrumentes Vorbedingung für den Lehrerberuf ­ man musste allumfassend lehren. "Keine Ahnung hab´ ich von Musik gehabt!" Zunächst scheiterte er an der Gitarre, dann probierte er sein Glück mit der Flöte. Als die C-Flöte gar zu lächerlich in seinen Männerhänden aussah, sei er auf die F-Flöte umgestiegen, und das habe schließlich geklappt. Die besondere Schwierigkeit der Hauptschule der 70er Jahre sei das sehr unterschiedliche Bildungsniveau gewesen, mit dem die Schüler von den Grundschulen gekommen seien. Dennoch bezeichnet Winkler die Zeit als "die guten Jahre der Hauptschule". Damals wählten 60 bis 70 Prozent eines Jahrgangs die Hauptschule als weiterführende Schule aus; heute sind das maximal noch 30, schätzt der "alte Hase". Zehnmal war er Klassenlehrer des freiwilligen zehnten Schuljahres. Im Schuljahr 1998/99 wurde er sogar an die Grundschulen Landscheid und Hupperath abgeordnet­ Wittlich hatte kurzfristig zu viele Lehrer! Nach 38 und einem halben Jahr im Schuldienst sagt er über das neue Konzept der Dualen Oberschule: "Ich finde es gut. Dennoch ist die Umsetzung schwierig." Ab sofort hat Gerd Winkler Zeit für die Dinge, die oft zu kurz kamen. Wandern, Gartenarbeit hinter dem Haus in Plein, Reisen, am liebsten an die Nordsee: "Ich muss Ebbe und Flut sehen." Und auch das Lesen in der Bibel, mit dem er seit vielen Jahren jeden einzelnen Tag beginnt, und das ihm Kraft gibt für alle Herausforderungen, wird er nun intensivieren. Und das ist ihm von allem das Wichtigste.