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Ein Kardinal mit Ecken und Kanten

Bernkastel-Kues. Vom kleinen Kues ins Vorzimmer des Papstes: Nikolaus Cusanus war im 15. Jahrhundert ein wichtiger Mann. In seiner Zeit als Bischof von Brixen hatte er aber mehr Feinde als Freunde. Zur Gedenkfeier kamen hochrangige Vertreter aus Brixen an die Mosel. Clemens Beckmann

Bernkastel-Kues. Personen mit Beziehung zur Stadt: Wer sich bei Wikipedia diese Rubrik zur Stadt Brixen (Südtirol) anschaut, sucht den Namen Nikolaus Cusanus vergebens. Dabei war der Mann aus dem kleinen Kues dort 14 Jahre (1450 bis 1464) lang Bischof. Doch es waren Jahre voller Spannungen. Cusanus wurde von vielen Menschen gehasst. Man trachtete ihm sogar nach dem Leben. Genau 550 Jahre nach dem Tod des Kardinals und Philosophen schließen Brixen und Bernkastel-Kues quasi offiziell Frieden. Die beiden Bürgermeister, Albert Pürgstaller und Wolfgang Port, unterzeichnen ein Freundschaftsabkommen. Und der Brixener Bischof, Ivo Muser, der 56. Nachfolger von Cusanus, besucht den Ort, wo sein Vorgänger getauft wurde und sein Herz begraben liegt.
Nach 550 Jahren ist die heftige Auseinandersetzung nur noch nachlesbar. Trotzdem spricht der Brixener Bürgermeister Albert Pürgstaller von einer Wiedergutmachung an Cusanus. Der war damals auch mit den Geistlichen, dem Domkapitel, heftig aneinandergeraten. Dessen Nachfolger verfolgen nun einträchtig die Unterzeichnung des Abkommens und die Feiern zum 550. Todestag. "Cusanus ruft uns zum Handeln und zur Verantwortung auf. Auf eine lange Freundschaft", sagt Pürgstaller.
"Cusanus hatte es in Brixen schwer, die Leute zu überzeugen", sagt Stadtbürgermeister Wolfgang Port. Gleichzeitig sei er aber einer der ersten großen Europäer gewesen. Die gemeinsame Geschichte eine beide Städte. Ports Wunsch: "Möge der eine von dem anderen lernen."Nie die Herkunft verleugnet


"Heute wäre er ein Star", hat der TV vor einigen Tagen geschrieben. Und in der Tat. Auf der Liste der 100 berühmtesten Rheinland-Pfälzer stehe er auf Rang 17, sagt Walter Schumacher, Staatssekretär im Kulturministerium Rheinland-Pfalz beim Festakt am Sonntag. "Direkt vor ihm liegen die Fußballweltmeister Horst Eckel und Ottmar Walter, die uns zeitlich ja sehr viel näher liegen als Cusanus", fügt er in seiner launigen Rede an. Sein Denken und seine Themen seien so aktuell, dass sie das halbe Jahrtausend überbrücken. So habe Cusanus bereits 1453 zum Dialog mit dem Islam aufgerufen.
Und er habe nie seine Herkunft verleugnet. Schumacher: "Er war bei den Leuten". Und dann sei da noch ein einzigartiges Zeugnis seiner Menschlichkeit: das von ihm 1458 gestiftete Alten- und Pflegeheim.
Der Brixener Kirchenhistoriker Professor Josef Gelmi spricht in seinem Festvortrag das Verhältnis Cusanus/Brixen deutlich an. Der Kardinal habe die Menschen zu ihrem göttlichen Schöpfer führen wollen. Er habe aber Leute, auch und gerade der Kirche, angetroffen, die nach seiner Auffassung mehr die Annehmlichkeiten des Lebens genossen hätten. Selbst Papst Pius II. habe er angegriffen. Sein Vorwurf: Er lasse alles verkommen.
Cusanus habe einmal gesagt, dass er nicht wegen des Essens nach Brixen gekommen sei, sondern um die Menschen zu Gott zu führen, erläutert Gelmi. Er verbot Karten- und Würfelspiel und bezeichnete Verena von Stuben und ihre Benediktinerinnen als Teufelsweiber. Die Folge: Er wurde als Eindringling angesehen und verfolgt.
Das Interesse an Nikolaus Cusanus sei auch in seiner Heimat lange Zeit gering gewesen, sagt Ulf Hangert, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues. Erst mit den Feiern zum 600. Geburtstag im Jahr 2001 habe sich das geändert. "Bewahren wir sein Erbe", fordert Leo Hofmann, der Rektor des St. Nikolaus-Hospitals.