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| 21:54 Uhr

Erinnerungen an einen tauben Orgeldreher

Heute spielt „Andi von der Ahr“ die Drehorgel bei Moselfesten. Vor 120 Jahren war es Scharmannchen aus Kautenbach. TV-Foto: Erich Gerten
Heute spielt „Andi von der Ahr“ die Drehorgel bei Moselfesten. Vor 120 Jahren war es Scharmannchen aus Kautenbach. TV-Foto: Erich Gerten
Vor 120 Jahren erfreute ein tauber Mann aus Kautenbach Einheimische und Touristen an der Mosel mit seinem Orgelspiel. Scharmannchen hieß er und war bekannt bis an den Rhein. Heute unterhält "Andi von der Ahr" bei den Straßenfesten mit seiner Drehorgel musikalisch die Besucher. Von unserem Mitarbeiter Erich Gerten

Kautenbach. (ger) Bei den Straßenfesten an der Mosel ist "Andi von der Ahr" mit seiner Drehorgel ein oft gesehener Gast. Seit 19 Jahren kommt er an die Mosel und unterhält die Besucher mit gern gehörten Melodien. Auch hat er immer Zeit für ein Gespräch.

Vor gut 120 Jahren verdiente ein Drehorgelspieler aus Kautenbach seinen Lebensunterhalt als Wandermusikant.

Franz Schmitt berichtet in der Longkamper Chronik: "Eine lang aufgeschossene, klapperdürre Gestalt, Hermann mit Namen, Koseform Scharmannchen, das hagere Gesicht von franseligem Ziegenbart spärlich bedeckt, die Hose etwas zu kurz und stark nach oben gezogen, die sehnigen Waden von einem abgeschabten Gehrock umschlungen, so schob er, leicht vornüber gebeugt, sein vierrädriges Kinderwägelchen mit der Drehorgel vor sich her." Obwohl er fast taub war, zog Scharmanchen von Ort zu Ort und schaute selbstbewusst in die Mienen seiner Zuhörer. Vor allem die Jugend wartete sehnsüchtig auf die Drehorgel, denn die versagte bei manchen Pfeifen schon mal ihren Dienst.

Das hörte sich dann beim Mosellied so an: "Im weiten deutschen Lande, Zieht mancher Strom ft ft, Von allen, die ich kannte, Liegt einer mir im ft, O Moselstrand, o ft ft Land, Ihr grünen ft ge, o Fluss und Tal, Ich grüß Euch von ft,ft viel tausendmal!" Die Kinder erwarteten jedesmal das "ft" mit Spannung und verstärkten den Laut mit ihren Stimmen. Auch durften sie schon einmal selber die Orgel drehen.

Die beste Zeit für Scharmannchen war die Sommerzeit mit vielen Touristen an der Mosel. Er spielte vor den Gasthäusern auf. Wenn ein Tourist ihn auf die fehlerhafte Zusammenarbeit des Orgelgefüges ansprach, meinte er, das Drehen sei die Hauptsache. Die Touristen durften selber drehen, und neckten ihn umso mehr. Aber dann gab es immer ein reichliches Trinkgeld und gute Bewirtung. "Wie strahlte dann das bleiche abgemagerte Gesicht voll Selbstbewusstsein ob seiner Kunst."

Besonders das Mosellied ließ er ertönen, denn die Moselaner liebten diese Melodie über alles. Das wusste Scharmannchen und die Kinder sangen: "Ein fahrender Spielmann, von niemand gekannt, Scharmannchen aus Kautenbach werd' ich genannt." So spielte sich Scharmannchen durchs Leben und bis nach Luxemburg, in die Eifel, den Hunsrück, ja sogar an Nahe und Rhein. Im Winter 1902 erkrankte er in seinem Heimatort Kautenbach. Bald darauf starb er. In seiner Tradition spielt heute "Andi von der Ahr" das Mosellied auf Straßenfesten an der Mosel.