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Erinnerungen an jüdisches Leben in Neumagen

Der Rebbogen, der im Hintergrund die Bogengasse überspannt, erinnert an die jüdische Schule mit Lehrerwohnung im ehemaligen Bogenhaus. Das runde Giebelfenster ist ein Relikt der neueren Neumagener Synagoge, über die eine Tafel in der Gasse informiert. Angebracht wurde sie auf Initiative des Arbeitskreises, der sich mit der jüdischen Geschichte des Ortes befasst. Im Bild (von links): der frühere Realschulrektor Hermann Erschens, René Richtscheid vom Emil-Frank-Institut in Wittlich, Winfried Roth (Kulturverein), Theologin Marianne Bühler, Ortsbürgermeister Willi Herres und Kulturvereins-Vorsitzender Joachim Fischer (von links). TV-Foto: Ursula Schmieder
Der Rebbogen, der im Hintergrund die Bogengasse überspannt, erinnert an die jüdische Schule mit Lehrerwohnung im ehemaligen Bogenhaus. Das runde Giebelfenster ist ein Relikt der neueren Neumagener Synagoge, über die eine Tafel in der Gasse informiert. Angebracht wurde sie auf Initiative des Arbeitskreises, der sich mit der jüdischen Geschichte des Ortes befasst. Im Bild (von links): der frühere Realschulrektor Hermann Erschens, René Richtscheid vom Emil-Frank-Institut in Wittlich, Winfried Roth (Kulturverein), Theologin Marianne Bühler, Ortsbürgermeister Willi Herres und Kulturvereins-Vorsitzender Joachim Fischer (von links). TV-Foto: Ursula Schmieder
Neumagen-Dhron. Über Jahrhunderte gab es in Neumagen-Dhron eine jüdische Gemeinde. An ihrer ehemaligen Synagoge mit Schule und Lehrerwohnhaus informiert nun eine Hinweistafel über das jüdische Leben im Ort. Ursula Schmieder

Neumagen-Dhron. Das runde Fenster im Giebel erinnert an den 1959 fast vollständig abgerissenen Vorgängerbau. Auch Grundriss und Größe des kleinen Hauses in der Neumagener Bogengasse lehnen sich an die 1872 erbaute frühere Synagoge an. Der Anbau an eine schon 1828 erwähnte Synagoge im "Bogenhaus" ermöglichte dessen Nutzung als Schul- und Lehrerwohnhaus. Ein Raum der Wohnung überspannte die Bogengasse, die ihren Namen mehreren solcher Bögen verdankt, von denen nur mehr einer existiert. Die Besonderheiten des Doppelhauses erläutert eine Tafel, die vor Ort auch über das jüdische Leben in Neumagen informiert. Die Würdigung der jüdischen Gemeinde Neumagen, die mit Niederemmel (heute Piesport) eine Synagogengemeinde bildete, hat ein deren Geschichte aufarbeitender Arbeitskreis initiiert.
Laut Mitglied Willi Herres hatte das Gebäude die Zeit des Nationalsozialismus zwar überdauert. Doch während des Novemberpogroms 1938 wurde der Innenraum verwüstet, erklärt der Ortsbürgermeister. Nach dem Zwangsverkauf an die Ortsgemeinde war die Synagoge dem Verfall preisgegeben. Die Tafel, deren Kosten - etwa 600 Euro - der Kulturverein Ausonius übernahm, soll die Erinnerung an die jüdische Gemeinde wach halten. Für den Text zeichnen der Arbeitskreis und das Wittlicher Emil-Frank-Institut verantwortlich. Geschäftsführer René Richtscheid machte auf den "sehr modernen Ansatz" der Innengestaltung der Synagoge aufmerksam. Der Trierer Maler Max Lazarus, der die Synagoge 1928 renovierte, habe beispielsweise Kultgegenstände abgebildet, was zuvor undenkbar gewesen wäre. Nachkommen von ihm stellten Fotos von der Innengestaltung der Synagoge zur Verfügung. Die große jüdische Gemeinde in Neumagen spiegelt laut Richtscheid auch die komplizierten früheren Herrschaftsverhältnisse wider (siehe Extra). Statistiken über die Zahl von Einwohnern und deren Religionszugehörigkeit gibt es laut seiner Vorgängerin, der Theologin Marianne Bühler, erst ab 1808, als sich unter Napoleon auch die freie Wohnortwahl durchgesetzt habe. Der erste Hinweis auf eine jüdische Schule datiert laut Hermann Erschens, pensionierter Realschulrektor, auf 1803. Der damalige "Maitre d\'école" (Schulmeister) der jüdischen Gemeinde sei aber wohl mehr ein Religionslehrer gewesen. Eine allgemeine jüdische Privatschule existierte ab etwa 1840: "Das gab es sonst nur in den Städten Trier und Wittlich."
Am 1. Oktober 1931 schloss die 1891 in eine öffentliche Volksschule umgewandelte Schule, die zuletzt nur noch drei Kinder besuchten. Laut Erschens konnte sich der Arbeitskreis auf Recherchen des Chronisten Franz Botzet stützen.
Synagogengemeinde Neumagen-Niederemmel: Die seit dem Mittelalter belegte jüdische Geschichte von Neumagen-Dhron spiegelt die zeitweise unklaren Hoheitsrechte wider. Während das Erzbistum zwischen 1418 und 1613 keine Juden duldete, stellte Hunolstein - ebenso wie im späten 16. Jahrhundert die Grafen von Isenburg und die von Sayn-Wittgenstein - Schutzbriefe aus. 1699 lebten vier jüdische Familien in Neumagen, 1851 waren es 101 Personen. Ab 1889 bildeten Neumagen und Niederemmel (heute Piesport) eine Synagogengemeinde. Der gemeinsame Friedhof, auf dem auch Thalfanger Juden bestattet wurden, war nach Wittlich der zweitgrößte im Kreisgebiet und soll 350 Jahre alt sein. 1933 lebten in Neumagen noch 44 jüdische Bürger, die bis 1938 bis auf acht Personen größtenteils in die USA auswanderten. 1941/42 wurden Emilie und Klara Hirsch - Mutter und Tochter - sowie das Ehepaar Abraham und Klara Leib nach Lodz beziehungsweise Theresienstadt deportiert. urs