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Es gibt ein Leben ohne Liste

Nicht zu alt zum Lernen: Waltrud Will-Feld setzt sich mit dem Computer auseinander.Foto: Clemens Beckmann
Nicht zu alt zum Lernen: Waltrud Will-Feld setzt sich mit dem Computer auseinander.Foto: Clemens Beckmann
BERNKASTEL-KUES. Waltrud Will-Feld begann ihre politische Karriere in einer Zeit, als die Männer noch fast unumschränkt das Sagen hatten. Sie ist mit dem so genannten starken Geschlecht aber gut fertig geworden. Nun zieht sich die 82-Jährige aus der Politik zurück. Von unserem Redakteur <br>CLEMENS BECKMANN

Bundestagswahl 1972: Wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale steht fest, wer den Einzug ins Parlament geschafft hat. 14 Tage später gibt es aber eine Überraschung. Der Bundeswahlleiter teilt der damals immerhin schon 51-jährigen Waltrud Will-Feld mit, dass sie aufgrund von Überhang-Mandaten auch noch den Sprung in den Bundestag geschafft hat. Waltrud Will-Feld vernahm es mit Überraschung. Sie hatte auf einem hinteren Platz der Landesliste rangiert. "Ich war Nebeneinsteigerin und ohne viel politische Erfahrung", erzählt sie. Vier Jahre später sah das anders aus. Will-Feld trat als Direktkandidatin an. Die Männerwelt an der Mosel, in der Eifel und im Hunsrück war erschüttert. Eine Steuerberaterin sollte die landwirtschaftlich geprägte Region in Bonn präsentieren? Will-Feld bekam zwar weniger Erst- als Zweitstimmen, doch sie war eine der ersten Frauen, die als CDU-Direkt-Kandidatin in den Bundestag zogen. "Nachher bin ich auch mit den Männern fertig geworden", sagt sie schmunzelnd. 18 Jahre, bis kurz vor ihrem 70. Geburtstag, saß sie im Parlament und erlebte als Krönung 1990 die Wiedervereinigung hautnah mit. Ins "normale" Leben zurückgekehrt, nahm sie wieder ihre Tätigkeit als Steuerberaterin auf. Politik sollte keine große Rolle mehr in ihrem Leben spielen. Doch sie hatte die Rechnung ohne die Kommunalpolitiker gemacht. "Der CDU-Stadtverband war damals zerstritten", erzählt sie. Peter Knüpper, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues, drängte sie, den Stadtverband zu übernehmen. 1994 ließ sich breit schlagen, für den Stadtrat zu kandidieren. "Ich wollte das nicht", sagt sie, ließ sich dann aber auf den ihrer Meinung nach aussichtslosen 21. Platz der CDU-Liste wählen. Falsch gedacht! Die Wähler hievten sie in den Stadtrat. "Damals sagte ich, dass ich das ein halbes Jahr mache und dann das Mandat niederlege", erzählt sie. Als Parteifreunde sagten, dass so etwas der CDU schade, blieb sie die gesamte Legislatur-Periode im Stadtrat.Ein Buch über das politische Wirken

1999 wiederholte sich das Spiel. "Obwohl gewisse Leute wollten, dass ich nicht mehr kandidiere", sagt sie. Von einem hinteren Platz zog sie erneut in den Stadtrat ein. Ihr Vorhaben, sich dieses Mal nach einer gewissen Zeit zurückzuziehen, wurde durch den Rücktritt von Stadtbürgermeister Helmut Gestrich zunichte gemacht. Es ist aber nicht so, dass Waltrud Will-Feld als eine Frau in die Geschichte eingeht, die nur widerwillig in der Kommunalpolitik tätig war. "Ich habe schon etwas Blut geleckt", gibt sie zu. Und es war auch nicht so, dass sie nur brav abnickte, was die CDU oder die Mehrheit des Rates wollte. Oft genug hinterfragte oder kritisierte sie öffentlich die Politik des Stadtrates. So stand sie lange Zeit den Bauvorhaben auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände in Kues ablehnend gegenüber. Es sei aber auch viel Positives (Seniorenakademie, Vinothek, Mosel-Gäste-Zentrum) geschehen. Gleichzeitig seien aber auch Behörden abgezogen worden. Und sie hat Angst, dass das Krankenhaus weiter an Bedeutung verliert. Waltrud Will-Feld wird am 11. Juni 83 Jahre alt. Zwei Tage später ist die Kommunalwahl. Sie findet ohne die agile Frau statt. "Alles andere wäre Antiquitäten-Schändung", sagt sie. Aufs Altenteil wird sie sich aber nicht zurückziehen. Sie will ein Buch über ihre politische Tätigkeit schreiben.