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Gelbe Engel fliegen tief

Im Cockpit geht es während des Flugs sehr entspannt zu. Denn Extreme sucht Pilot Thomas Weiß bei der Fliegerei nicht mehr. "Ich habe bei der Bundeswehr fliegerisch jede Menge erlebt, ich weiß heute, wo die Grenzen sind." TV-Foto: Alexander Funk
Im Cockpit geht es während des Flugs sehr entspannt zu. Denn Extreme sucht Pilot Thomas Weiß bei der Fliegerei nicht mehr. "Ich habe bei der Bundeswehr fliegerisch jede Menge erlebt, ich weiß heute, wo die Grenzen sind." TV-Foto: Alexander Funk
WITTLICH. Wenn der Wittlicher ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 10 zur Hilfe gerufen wird, geht es häufig um Leben und Tod: ein Herzinfarkt, ein Arbeitsunfall, Schwerverletzte auf der Autobahn. Der TV hat die Rettungsflieger des Wittlicher St. Elisabeth-Krankenhauses bei einem Einsatz in der Eifel begleitet. ARRAY(0x1545b320)

Alles vibriert. Der Rotor lärmt ohrenbetäubend. Vor ein paar Sekunden erst hat Pilot Thomas Weiß die Maschine gestartet. Er sitzt im gläsernen Cockpit des ADAC-Rettungshubschraubers Christoph 10. Lässt seinen Blick prüfend über die Bordinstrumente streifen. Der Rest der Besatzung rennt über den Landeplatz auf den startbereiten Helikopter zu, der Rettungsassistent nimmt neben dem Piloten Platz, der Notarzt schließt von innen die hintere Tür. Alle setzen weiße Schutzhelme auf. Schnallen sich an. Das Ganze passiert schnell, aber unaufgeregt. Dann hebt der Helikopter mit viel Wind ab. Das Ziel ist Landscheid. Ein Dorf im Süden der Eifel. Luftlinie rund zehn Kilometer von Wittlich entfernt. Ein Unfall bei Waldarbeiten. Mehr wissen die Retter noch nicht. "Wenn die Leitstelle uns alarmiert, sind wir innerhalb von 60 Sekunden in der Luft", sagt Pilot Thomas Weiß. Der 38-Jährige ist ein sportlicher Typ, hat ein kantiges Gesicht. Zur Fliegerei - sein Kindheitstraum - kam der gelernte Bauschlosser bei der Bundeswehr. Dort hat er den Umgang mit Hubschraubern gelernt, wurde Berufssoldat. 2003 war damit Schluss. Es habe ihm einfach keinen Spaß mehr gemacht. Denn er sah in seiner Arbeit keinen Sinn. "Du fragst dich abends, was hast du heute eigentlich geleistet?" Jetzt sitzt Weiß im Cockpit und fliegt seinen dritten Einsatz für heute. Mit 260 Stundenkilometern jagt er die gelbe Maschine in 150 Metern Höhe über die Eifel. Das Wetter ist für den Dezember sehr mild. Zwischen der tief hängenden Wolkendecke tun sich Risse auf und lassen gleißendes Sonnenlicht auf die hügelige Landschaft fallen. Bestes Flugwetter. Plötzlich wird der Helikopter langsamer und verliert an Höhe. Ein Blick aus dem Fenster, und man sieht Häuser und Straßen eines kleinen Eifeldorfs. Kinder spielen auf den Straßen. Ein Mann steht mit einer Harke im Garten und blickt hinauf zum Hubschrauber. Christoph 10 hat sein Ziel erreicht: Landscheid. "Ich geh noch weiter runter. Siehst du nach einem Straßennamen?", bittet Weiß seinen Rettungsassistenten Gerd Habermeier. Kommuniziert wird über Sprechfunk, der in die Schutzhelme der Besatzungsmitglieder integriert ist. Wegen des Motorenlärms wäre eine andere Verständigung kaum möglich. Schnell hat Habermeier die gesuchte Straße und nach wenigen Augenblicken auch die Hausnummer gefunden. Gemeinsam mit dem Piloten sucht er nach einer geeigneten Stelle zum Landen. Weiß zeigt mit seiner linken Hand auf eine freie Fläche. Rund 40 Meter vom Haus entfernt, in dem sich der Verletzte befinden soll. "Ich hock' mich da hinten auf die Wiese." Als der Hubschrauber landet, fegt ein kleiner Orkan über das hohe Gras. Vor nicht einmal sechs Minuten ist das Team in Wittlich gestartet. Jetzt machen sich Notarzt Matthias Mahler und Rettungsassistent Habermeier mit schweren Koffern auf den kurzen Fußmarsch zum Unfallopfer.Minuten entscheiden über Leben und Tod

Pilot Weiß bleibt im Cockpit seiner Maschine. Notiert auf einem vorgedruckten Protokoll Flugzeit, Einsatzziel und Angaben zur Besatzung. "Klar, die Bürokratie ist manchmal sehr lästig", sagt er. Aber das gehöre nun einmal zum Job. Sobald die Schreibarbeiten erledigt sind, folgt Weiß seinen Kollegen. "Ich könnte auch einfach hier warten und rumsitzen." Das wolle er aber nicht, denn entweder sei man ein Team, oder eben nicht. Als Weiß zum Haus kommt, treffen gerade die Kollegen mit dem Rettungswagen ein. Sie haben über die Straße ein paar Minuten länger gebraucht. Minuten, die laut Notarzt Matthias Mahler, der den Patienten bereits untersucht hat, über Leben und Tod entscheiden könnten. Denn dem älteren Mann geht es nicht gut. Er wurde bei Waldarbeiten von einem umstürzenden Baum getroffen. Zwar konnte er sich noch alleine nach Hause schleppen. Doch als der Schock nachließ, kamen starke Schmerzen im Brustbereich. Und Kreislaufprobleme. Jetzt verabreicht ihm Mahler Infusionen und Schmerzmittel. Das Herz des Patienten muss entlastet werden. "Wir sollten für eine genaue Diagnose nicht viel Zeit verlieren", sagt Mahler. Denn bei diesen Symptomen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder handelt es sich nur um schwere Prellungen, oder es gibt auch innere Verletzungen, die so schnell wie möglich behandelt werden müssen. Damit steht fest: Der Patient wird per Hubschrauber und nicht per Krankenwagen nach Wittlich gebracht. Rund 50 Minuten nach der Alarmierung landet Christoph 10 auf der Rampe zur Notaufnahme des Wittlicher Krankenhauses. Der Patient wird von Pilot und Rettungsassistent auf einer Trage durch eine Schwingtür direkt in einen hell erleuchteten Untersuchungsraum geschoben. Der Einsatz für das Team der Wittlicher Rettungsflieger ist damit zu Ende. "Mit drei Flügen war es heute wirklich ruhig", sagt Weiß, als er Christoph 10 nach Anbruch der Abenddämmerung bei der Rettungsleitstelle per Funk abmeldet. "Ich kenne auch Tage, da gibt es einen Knaller nach dem anderen. Da krabbelst du abends auf dem Zahnfleisch nach Hause." Doch selbst dann macht sein Beruf ihm noch Spaß. Denn mittlerweile gefällt ihm die Antwort, wenn er sich abends fragt, was er tagsüber geleistet hat.