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Hungersteine wurden einst mit Wein gefüllt

Traben-Trarbach. An den Litziger Fels (Lay) in der Mosel erinnert die Litziger Bürgergesellschaft jetzt mit einem Gedenkstein am Trarbacher Moselufer. Nur in sehr trockenen Sommern ragten die zwei langgestreckten Felsmassive aus dem Fluss, und das bedeutete zumeist auch Hunger für die Menschen, weil Missernten drohten. Seit der Kanalisierung der Mosel bleiben sie den Blicken verborgen. Gerda Knorrn-Belitz

Traben-Trarbach. "Hungersteine" hatten die Traben-Trarbacher das Massiv in der Mosel getauft. Wenn die Felsen sich aus dem Fluss erhoben, waren die Sommer heiß und trocken, das Vieh darbte auf den Weiden, die Ernte fiel mager aus, schlechte Zeiten standen bevor. Zugleich war das Auftauchen der beiden rund 50 bis 60 Meter langen Felsmassive, die in der Mitte etwa zwei Meter breit waren, auch immer ein besonderes Spektakel für die Bürger.
Stadt- geschichte(n)


Im Jahr 1842 hatte die Casinogesellschaft einen besonderen Einfall: Sie ließ eine Kammer in das Gestein hauen und legte eine Flasche Wein mit einer Urkunde hinein. Stolz verlieh sie dem Massiv den Namen "Trarbacher Casinofelsen". Fortan wurde in trockenen Sommern, wenn der Fels wieder auftauchte, kräftig gefeiert. Der Wein wurde entnommen und eine neue Flasche eingelagert. Groß war das Entsetzen im Jahr 1869: Ein dreister Dieb war flinker und hatte die Flasche gestohlen. Für Hinweise setzte die Gesellschaft damals eine Belohnung von drei Talern aus; ob der Spitzbub gefasst werden konnte, ist nicht überliefert.
"Die Litziger Bürgergesellschaft folgte spätestens 1911 dem Brauch und legte eine eigene Kammer im Fels an", weiß Max-Werner Knod, Vorsitzender der Gesellschaft des einstigen Fischerdorfs, die 1904 als Genossenschaft beim Amtsgericht eingetragen wurde. Die beiden Männergesangvereine der Stadt sowie der Trabener Kriegerverein beteiligten sich gleichfalls mit eigenen Kammern. Nach den Aufzeichungen war der Fels von 1857 bis 1949 zwölfmal begehbar.
Offensichtlich nahm der Wein keinen Schaden. So ist in der Trarbacher Zeitung nachzulesen, dass Bademeister Nicola Mendgen im September 1943 unter der Wasseroberfläche eine Kammer fand und sie öffnete. Der Wein des Jahrgangs 1920 habe noch gut geschmeckt.
1959 ragte der Fels letztmalig aus der Mosel. Als der Wein sein Verlies verließ, stimmte der Gesangverein 1837 Traben-Trarbach vom Ufer aus frohe Lieder an. Dessen heutiger Vorsitzender, Albert Sonntag, erinnert sich noch daran.
Die Kanalisierung des Flusses 1963 machte dem Spektakel ein Ende; ein Teil des Felsens wurde gesprengt, seine Reste liegen heute tief verborgen im Wasser und tauchen auch bei abgelassenem Wasser während der Schleusenarbeiten oder in trockenen Sommern nicht mehr auf. Albert Sonntag glaubt, dass 1959 noch einmal Wein einzementiert wurde. Sofern er nicht der Sprengung zum Opfer fiel, dürfte er noch heute in der Mosel liegen.
Extra

An Flusskilometer 106 erinnert die Litziger Bürgergesellschaft mit einem Gedenkstein an die Hungerfelsen. Eine Bronzetafel informiert über die Geschichte. Zur Einweihung hatten sich mehr als 50 Gäste eingefunden, und Max-Werner Knod freute sich über das große Interesse. "Ich bin froh, dass der Plan endlich umgesetzt werden konnte", sagte er, denn Fragen nach den Hungersteinen seien immer wieder aufgetaucht. Fast drei Jahre sollten vergehen, bis der Stein seinen Platz am Ufer fand. Vorausgegangen waren Verhandlungen mit der Wasser- und Schiffahrtsdirektion."Es werden sicher viele Fotos von dem Findling gemacht", zeigte sich Stadtbürgermeisterin Heide Pönnighaus überzeugt, die sich noch gut daran erinnert, wie sie als Teenager im "brüllend heißen Sommer 1959" mit Spannung auf das Auftauchen der Hungerfelsen wartete. Nur etwa 20 Meter flussabwärts befindet sich ein weiterer Gedenkstein, den die Bürgergesellschaft im Jahr 2002 errichtete: Hier befindet sich mit 16,64 Metern die tiefste Stelle des insgesamt 520 Kilometer langen Moselflusses. GKB

 An Flusskilometer 106 erinnert jetzt der von der Litziger Bürgergesellschaft gestiftete Gedenkstein an die Hungerfelsen, die vor der Moselkanalisierung in sehr trockenen Sommern aus dem Fluss heraustraten. Zur Einweihung begrüßte Max-Werner Knod (Vierter von links), Vorsitzender der Bürgergesellschaft, zahlreiche Gäste am Moselufer. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz
An Flusskilometer 106 erinnert jetzt der von der Litziger Bürgergesellschaft gestiftete Gedenkstein an die Hungerfelsen, die vor der Moselkanalisierung in sehr trockenen Sommern aus dem Fluss heraustraten. Zur Einweihung begrüßte Max-Werner Knod (Vierter von links), Vorsitzender der Bürgergesellschaft, zahlreiche Gäste am Moselufer. TV-Foto: Gerda Knorrn-Belitz