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Japans berühmtester Astrophysiker spricht an der Cusanus-Hochschule Bernkastel-Kues

Bernkastel-Kues. Die Cusanus-Hochschule lockt weltberühmte Wissenschaftler an die Mosel. Bei einer Tagung fand Professor Keiichi Kodaira deutliche Worte gegen die Atomkraft. Hans-Peter Linz

Vor wenigen Tagen hatte er noch eine Audienz beim Kaiser und nun spricht er in Bernkastel-Kues: Professor Keiichi Kodaira gilt als der bedeutendste Astrophysiker Japans. Der 80-Jährige stammt aus der Präfektur Tokio und arbeitet an der Universität der Hafenstadt Kobe, die 1,5 Millionen Einwohner hat.

Im Geburtshaus des Mittelalterphilosphen Cusanus referiert Kodaira und findet deutliche und mahnende Worte gegen die Atomindustrie. In Japan war es bislang unüblich, sich kritisch gegenüber dieser Energie zu äußern. Aber seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 setzt auch dort ein Umdenken ein. "Die Naturkonstante Zeit ist unumkehrbar. Sie ist unser Schicksal. Deshalb beobachte ich die Atomenergie mit Skepsis," sagt Kodaira.

Wie kommt ein japanischer Top-Wissenschaftler dazu, im Geburtshaus eines ebenso bedeutenden mittelalterlichen Philosophen über Atomenergie, Albert Einstein, neue, sogenannte Exo-Planeten und die Wahrscheinlichkeit von außerirdischem Leben ("Ich kann Ihnen dazu keine Antwort geben") zu sprechen?
Kodaira nimmt an einem zweitägigen Treffen von Wissenschaftlern teil, das die Cusanus-Hochschule gemeinsam mit zwei japanischen Universitäten ausgerichtet hat. Dazu zählen verschiedene Vorträge. Die vor wenigen Jahren gegründete Hochschule bietet Bachelor- und Masterabschlüsse in den Fächern Ökonomie und Philosophie an. Ziel ist es, jenseits vom Mainstream an den großen Universitäten, ein ganzheitliches Studium zu ermöglichen, das auch Umweltaspekte mit einbezieht. Ganz im Sinne der Lehre von Nikolaus von Kues soll dabei der Akzent auf Vielfalt in der Einheit gelegt werden.

Professor Harald Schwaetzer, Institutsleiter und Vizepräsident, zieht im Gespräch mit dem TV eine erste Bilanz: "Wir haben jetzt die ersten Abgänger, von den 60 Studierenden unsere Startphase haben etwa zehn Studenten bereits ihre Abschlussurkunde oder sind noch dabei, ihre Abschlussarbeit zu schreiben." Das zeige, dass der Versuch, eine kleine Hochschule in freier Trägerschaft zu gründen, geglückt sei. "Wir haben viele Studierende, vor allem aus Großstädten, wie Berlin, Leipzig oder Köln. Offenbar ist der Reiz, in der Provinz zu studieren und in kleinen Gruppen in Blockseminaren zu arbeiten, ungebrochen", sagt Schwaetzer.

Auch sei es wichtig, dass die Hochschule mit ihren öffentlichen Vorträgen das Leben in Bernkastel-Kues bereichere. "Es kommen immer wieder interessierte Bürger zu den Vorträgen, und unsere Studenten nehmen auch am Leben in der Stadt teil", bemerkt Schwaetzer. So leben in der ehemaligen Jugendherberge Studenten in einer WG ebenso wie in einem Haus im Stadtkern. Etwa ein Drittel der Studenten leben dauerhaft an der Mosel, die übrigen würden zu den Blockseminaren pendeln. "Wir rechnen damit, dass sich die Studentenzahl zum Wintersemester 2017/18 erhöhen wird, dann werden es zirka 100 Studenten sein", sagt der Institutsleiter. Mit 30 Mitarbeitern, darunter sieben Professoren sei die Hochschule gut aufgestellt, um eine individuelle Betreuung der Studierenden zu ermöglichen. Während manche Studenten sich direkt nach dem Abitur einschreiben gebe es auch Quereinsteiger. Schwaetzer: "Wir haben auch drei Bankkaufleute, die nach Abschluss ihrer Ausbildung noch einen Bachelor in Ökonomie machen. Das ist insgesamt eine gute Entwicklung, auch im Hinblick auf unsere internationale Vernetzung. Die Bekanntheit hat sich erhöht".KommentarMeinung

Ein kleines, feines Juwel an der Mosel
Die Cusanus-Hochschule hat keine Tausende Studenten, sie hat noch nicht einmal ein großes imposantes Gebäude - und trotzdem ist sie in nur kurzer Zeit zu einer weltweit bedeutenden Einrichtung geworden. Sie ist ein kleines, feines Juwel. An ihr können Studierende jenseits vom Mainstream im Bereich Ökonomie und Philosphie ihre eigenen Wege gehen. Es geht darum, ganz im Geiste des mittelalterlichen Philosophen, im Dialog Lösungansätze zu finden. Das gesamte Konzept der Hochschule mit Blockseminaren und einem Unterricht, in dem auf den Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden gesetzt wird, ist darauf abgestimmt. Dass international renommierte Wissenschaftler, sogar aus Japan, an dieser Einrichtung Vorträge halten, beweist die Attraktivität ihres Konzeptes. Zudem ist es auch keine Alltäglichkeit, dass sich eine Hochschule in freier Trägerschaft gründen kann. Es ist im Gegenteil - angesichts vielerorts knapper Kassen - eine besondere Leistung. Das ist letzten Endes auf die unermüdlichen Bemühungen einzelner Akteure zurückzuführen. Besonders erfreulich ist es, dass auch Quereinsteiger von dem Angebot der Cusanus-Hochschule Gebrauch machen. Das wird die Forschung sicherlich bereichern. Die ersten Absolventen der Schule werden bald in ihren Berufen tätig sein und einen Funken von Cusanus' Geist weitertragen - im Sinne von friedlichem Dialog und gemeinsam getragenen Lösungsansätzen. hp.linz@volksfreund.deExtra: HOCHSCHULE


Die Cusanus Hochschule ist eine der wenigen akademischen Selbstgründungen in Deutschland. Ziel war von Beginn an die grundlegende Erneuerung der ökonomischen sowie philosophischen Forschung und Lehre. Institutionell ist die Cusanus Hochschule aus einem internationalen Netzwerk von akademischen Forschern hervorgegangen: der Kueser Akademie für Europäische Geistesgeschichte e.V., die seit 2009 in Bernkastel-Kues angesiedelt ist. Nach einer mehrjährigen Planungsphase wurde sie am 12. Februar 2014 offiziell ins Leben gerufen, dem Tag, an dem ihr Namensgeber, Nicolaus Cusanus, eine seiner wichtigsten Schriften vollendete: "De docta ignorantia" (1440). Am 22. Mai 2015 wurde die Hochschule vom zuständigen Ministerium des Landes Rheinland-Pfalz als Hochschule in freier Trägerschaft anerkannt. Zum Wintersemester 2015/16 begannen über 30 Studierende als erster Jahrgang betreut von fünf berufenen Professoren offiziell das Studium in den Masterstudiengängen Philosophie und Ökonomie.