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Keine Erinnerung mehr an ehemaligen "Reichsjugendführer" Baldur von Schirach in Kröv

Noch im vergangenen Jahr stand der Grabstein Baldur von Schirachs auf dem Kröver Friedhof. Nun ist das Grab eingeebnet worden.TV-Fotos (2): Klaus Kimmling
Noch im vergangenen Jahr stand der Grabstein Baldur von Schirachs auf dem Kröver Friedhof. Nun ist das Grab eingeebnet worden.TV-Fotos (2): Klaus Kimmling FOTO: Winfried Simon (sim) ("TV-Upload Simon"
Kröv. Schlussstrich: Das Grab des ehemaligen "Reichsjugendführers" Baldur von Schirach existiert nicht mehr. Das Gräberfeld auf dem Kröver Friedhof ist eingeebnet worden. Hans-Peter Linz

Er war einer der prominentesten Nationalsozialisten und wurde während der Nürnberger Prozesse zu 20 Jahren Haft verurteilt. Baldur von Schirach, geboren 1907 in Berlin, schloss sich früh der NSDAP an und wurde 1931 zum "Reichsjugendführer". 1940 wurde er Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien und war bis Kriegsende für die Deportation der Wiener Juden in die Vernichtungslager verantwortlich.
Nach seiner Haftentlassung aus Spandau zieht Schirach nach einiger Zeit halb erblindet nach Kröv ins Hotel Montroyal. Das Haus gehört den beiden Schwestern Ida und Käthe Müllen, zwei ehemaligen "Führerinnen" des nationalsozialistischen "Bundes Deutscher Mädel" (BDM). Nach seinem Tod 1974 wurde von Schirach auf dem Kröver Friedhof beigesetzt. Das Grab war immer wieder Stein des Anstoßes. René Richtscheid, Geschäftsführer des Emil-Frank-Institus in Wittlich, das sich mit der Erforschung der jüdischen Geschichte befasst, sagt: "Ich habe bei Veranstaltungen immer wieder darauf hingewiesen, dass es das Grab gibt. Die Opfer waren nach dem Krieg weg, aber viele Täter sind in Deutschland geblieben. Das kann man nicht völlig aus dem Bewusstsein streichen." Werner Gessinger aus Lösnich forderte schon vor Jahren, das Grab einzuebnen. Gessinger kümmert sich ehrenamtlich um den jüdischen Friedhof im benachbarten Lösnich. Er bemerkte, dass jüdische Besucher nicht verstehen können, dass in der Nähe ein Nazi-Kriegsverbrecher begraben liegt. Nach seiner Auffassung war die Liegezeit schon um zehn Jahre überschritten. Allerdings berief sich die Verwaltung damals darauf, dass eine Verlängerung bei Doppel- und Wahlgrabstätten möglich sei. Davon machten die Angehörigen von Schirachs Gebrauch. Nun ist aber auch diese Verlängerung abgelaufen. Das bestätigt Ortsbürgermeister Günter Müllers: "Das Liegerecht der Familie ist zum 31. Dezember 2014 erloschen, wovon die Angehörigen auch in Kenntnis gesetzt wurden. Die Gräberreihe ist eingeebnet worden." Nun kann auch Werner Gessinger aufatmen, wie er dem TV erläutert: "Die Aufarbeitung der Nazizeit und die Betreuung von Nachkommen jüdischer Familien, die die Region besuchen, fällt mir auf jeden Fall um einiges leichter, wenn ich weiß, dass hier keine Verehrung eines Kriegsverbrechers mehr stattfinden kann."Meinung

Aufatmen, weiterarbeiten
Es war für manche Kröver ein lästiges Thema. Die letzte Ruhestätte des ehemaligen "Reichsjugendführers" Baldur von Schirach auf dem Friedhof der Moselgemeinde sorgte immer wieder für Diskussionen. Kritiker befürchteten, dass dort eine Wallfahrtstätte für Neonazis entstehen könnte. Jüdische Besucher der Region zeigten sich irritiert. Auch die Inschrift "Ich war einer von Euch" auf seinem Grabstein war Anlass für Diskussionen. An wen waren diese Worte gerichtet, die er selbst verfasst hatte? Von Schirach starb 1974, einsam und weit entfernt von seiner Familie. Und nun, nach über 40 Jahren, existiert auch sein Grab nicht mehr. Einerseits können die Kröver nun aufatmen, andererseits muss aber auch die Erinnerungsarbeit über die Täter des Nationalsozialismus weitergeführt werden. hp.linz@volksfreund.de

FOTO: klaus kimmling (m_wil )