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Über die Anfänge der Fotografie

Posieren für den Fotografen: So wie anno dazumal macht das auch Claudia Schmitt, die sich mit der Geschichte der Fotografie im Kreis gut auskennt. Eine Schau im Treppenhaus zum Kreisarchiv dokumentiert dies. TV-Foto: Sonja Sünnen
Posieren für den Fotografen: So wie anno dazumal macht das auch Claudia Schmitt, die sich mit der Geschichte der Fotografie im Kreis gut auskennt. Eine Schau im Treppenhaus zum Kreisarchiv dokumentiert dies. TV-Foto: Sonja Sünnen
Heute ist Fotografieren fast eine Alltagstätigkeit. So lange ist es gar nicht her, dass eine "Photographie" etwas ganz Exklusives war. Claudia Schmitt, Leiterin des Kreisarchivs, berichtet für die TV-Serie "Die Ersten im Kreis" von der Pionieren der Fotografie im Landkreis. Von Claudia Schmitt

Wittlich. Wer sich früher ein Bild wünschte, ließ es mit Pinsel oder Stift malen. Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Fotoapparate aufkamen, war das nicht mehr nötig. Ein ganzer Berufsstand wackelte, und der Fotograf Josef Lemling schrieb 1862 in seinem Buch über Fotografie: "Griesgrämige Maler und Zeichner, durch den Aufschwung, den die Fotografie gewonnen, neidisch, sind erbitterte Feinde dieser Kunst, weil sie sich durch dieselbe beeinträchtigt glauben, und fallen bei jeder Gelegenheit darüber her, dass die photographischen Portraits diesen oder jenen Fehler hätten."

Joseph Lemling war vermutlich der erste Fotograf, der mit einem mobilen Fotoatelier auf dem Rücken im August 1856 nach Wittlich kam und die wohl erste fotografische Ansicht von Wittlich schoss.

Als professioneller Fotograf schrieb er 1862 Bücher für seine Kollegen und gab Ratschläge besonders für Porträtaufnahmen, die in heutiger Lesart schon humoristische Züge tragen: "Die Aufnehmenden sollen die Augen auf einen dunklen (…) Gegenstand richten, ohne sich jedoch einen starren, geistlosen Blick dabei zu erzwingen, (…) denn sich ruhig verhalten heißt nicht, den Mund zusammenkneifen und leblos mit den Augen hinzustarren oder eine affektierte Miene anzunehmen. Daran erinnert ein aufmerksamer Photograph gewiss jedes Mal, aber es wird von den Kunden nicht immer befolgt; die finden es bequemer den Photographen für ihre Albernheiten, sogar für ihre Falten und Runzeln im Gesichte, die sie doch mit ins Atelier gebracht, verantwortlich zu machen."

1899 eröffnete der Fotograf Joseph Becker in Wittlich das erste professionelle Fotoatelier. In einer Anzeige im Wittlicher Tageblatt bezeichnete er sich als Fotograf und Maler. Diese Vereinigung beider Berufe trat oft bei dem neuen Berufstand auf, da ehemalige Künstler umsattelten und das Fotografenhandwerk erlernten. So kam es, dass viele frühe Fotografien gleich künstlerisch mit dem Pinsel nachbearbeitet wurden.

Einer, den die neue Abbildungstechnik schon früh gepackt hatte, war der Bernkasteler Fotograf Nikolaus Leyendecker. Er stand schon am 27. Juli 1859 mit seiner Kamera, damals noch ein Holzkasten in beachtlicher Größe, auf dem Bernkasteler Marktplatz und machte Aufnahmen.

Über die Pionierzeit der Fotografie ist im Haus Mehs in Wittlich eine Dauerausstellung des Kreisbildarchivs Bernkastel-Wittlich zu sehen. Das Archiv beherbergt auch frühe Aufnahmen nichtprofessioneller Fotografen zum Beispiel aus Eisenschmitt, und Porträtfotos von bisher noch unbekannten Fotografen, zum Beispiel aus Piesport.

Zu Problemen von Porträtaufnahmen kommt noch einmal Joseph Lemling zu Wort: "Ein Freund und Kollege, den ich besucht, nahm ein hochadeliges, recht verzogenes Fräulein auf, dasselbe bestellte sechs Papierpositive, die sehr gut ausgefertigt wurden. Die rohe trotzige Miene, die sie mit zur Welt gebracht und immer noch besaß, gefiel ihr auf dem Bilde nicht. Sie schmähte den Photographen, wollte die Bilder nicht nehmen und verlangte eine neue Aufnahme."

Quelle: Das Buch "Der praktische Photograph - ein Ratgeber über das Neueste und Zweckmäßigste in der Photographie auf Selbsterfahrung begründet und mitgeteilt von Joseph Lemling Braunschweig 1862".