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Vor 51 Jahren: Letzte Fährfahrt in Wolf

Traben-Trarbach/Wolf. Vor 51 Jahren, am 19. Oktober 1962, hieß es für den Wolfer Fährmann Emil Claus ein letztes Mal: "Hol über". Am gleichen Tag wurde die Moselbrücke vorläufig für den Verkehr freigegeben - noch vor Fertigstellung der Stützmauern. Gerda Knorrn-Belitz

Traben-Trarbach/Wolf. Am 1. August 1880 hatte Wolf eine Fähre in Betrieb genommen, die jeden Tag und bei jedem Wetter über den Fluss treidelte. Sie war nötig, weil das Dorf damals keine Landverbindungen zu den Nachbargemeinden hatte. Die Wolfer Winzer gelangten so in ihre Weinberge auf der linken Moselseite, und der Verkehr erhielt Anbindung an das überörtliche Straßennetz. Doch Hochwasser versperrte diesen Verbindungsweg immer wieder; die Fähre musste angekettet werden. Mit einem Nachen versuchte der Fährmann dann, den Personenverkehr aufrechtzuerhalten. Auch die angelieferten Waren für die Geschäfte kamen auf diese Weise ins Dorf.
Dorf- geschichte(n)


Emil Claus kam 1906 in einem inzwischen abgerissenen Haus an der Uferstraße/ Ecke Fährstraße zur Welt. Sein Vater Heinrich hatte dort eine Bäckerei. Der Sohn arbeitete zunächst als Winzer und ab 1950 war er Fährmann. "Den Dienst teilte sich mein Vater mit seinem Kollegen Emmerich Ruprecht, und auch mein Bruder Emil jr. half zeitweilig mit", erzählt Ulrich Claus. Die Dienstzeiten waren lang. "Von 6 Uhr in der Frühe bis 22 Uhr hat mein Vater gearbeitet."
Im elterlichen Haus am Moselufer hatte er noch eine Notunterkunft, falls nächtliche Überfahrten erforderlich waren. "Dort konnte er die Rufe hören", sagt der Sohn. Fuhrwerke, Autos und Lastwagen wurden mit der Gierseilfähre transportiert. 1949 kamen sogar zwei Kirchenglocken von insgesamt 3,5 Tonnen auf diese Weise ins Dorf. Das Stahlseil spannte sich in etwa 20 Metern Höhe über den Fluss. "Auf jeder Seite der Fähre gab es eine Kurbel zur Steuerung des Seils", weiß Ulrich Claus. Heute erinnert in Wolf nur noch der Sockel des Fährturms unterhalb der Straße Am Fährturm an die "bewegten Zeiten" auf dem Fluss.
Seinen Vater nennt Claus spaßhaft den "Rattenfänger von Wolf". Sechs bis sieben Kinder seien oft mitgefahren und hatten Spaß daran, in die Arbeit des Fährmanns einbezogen zu werden. Auch Ulrich Claus war stolz, wenn er als Junge die Sperrkette zumachen durfte. Fünf Pfennige spendierte der Fährmann, wenn ihm die Kinder eine Schachtel Zigaretten besorgten. Im Oktober 1962, nach zwölf Berufsjahren auf der Mosel, hieß es dann für Emil Claus endgültig Abschied nehmen von seiner Gierseilfähre. Da rollten die ersten Autos über die Brücke.
Extra

Die Moselbrücke Wolf Am 25. Juni 1954 stellte der Kreistag des Kreises Bernkastel fest, dass eine Brücke in Wolf zur Lösung der Verkehrsprobleme am vorteilhaftesten sei. Das Straßenbauamt Trier veranlasste 1955 die Erstellung der Planunterlagen mit Kostenvoranschlag, der sich auf 1,4 Millionen D-Mark belief. Das Land konnte sich nur zu einem Zuschuss von 25 Prozent der Baukosten entschließen. Da die Gemeinde die fehlenden 75 Prozent nicht aufbringen konnte, musste das Vorhaben zunächst zurückgestellt werden. 1958 stellte das Land eine 50-prozentige Beteiligung in Aussicht. Am 1. April 1960 erhielt eine Dortmunder Firma den Zuschlag für die Brücke zum Angebotspreis von 1 338 114,40 D-Mark, vier Wochen später erfolgte der erste Spatenstich. Aufgrund technischer Änderungen, der Errichtung von Brückenrampen und Stützmauern beliefen sich die Baukosten auf 2,2 Millionen D-Mark. Nach der vorläufigen Freigabe der Brücke im Oktober 1962 war die offizielle Einweihung Pfingsten 1963. Das Dorf hatte damals 842 Einwohner, und vom 1. bis 3. Juni wurde kräftig gefeiert. GKB