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Geschichte
Die Gasanstalt der Weinstadt

Eine historische Fotografie aus dem Jahr 1892 zeigt die ehemalige Gasfabrik im heutigen Stadtteil Kues.
Eine historische Fotografie aus dem Jahr 1892 zeigt die ehemalige Gasfabrik im heutigen Stadtteil Kues. FOTO: Repro: Markus Philipps / TV
Bernkastel-Kues. Vor sechs Jahrzehnten ist die Ära des ehemaligen Gaswerkes von Bernkastel-Kues zu Ende gegangen. Die einstige Leuchtgasfabrik wurde 1886 von privater Hand erbaut. Von Markus Philipps

Die wechselvolle Geschichte der früheren „Gasanstalt Cues-Berncastel“ begann vor genau 132 Jahren am 1. März 1886. An jenem Tag schloss der Trierer Chemiker Nathan Wolf einen Gas-Konzessionsvertrag mit der damaligen Stadtgemeinde Bernkastel ab. Das Abkommen verpflichtete den Unternehmer, die Straßen und Plätze sowie Privathaushalte der Moselstadt 25 Jahre lang mit Leuchtgas zu versorgen. Die zur Gasherstellung erforderlichen Anlagen wurden einst am Standort des heutigen Aldi-Marktes in Kues errichtet.

Da bei der Gasproduktion verschiedene Nebenprodukte, wie Ammoniak und Kreosot (Teeröl) erzeugt wurden, firmierte das Werk auch als Chemische Fabrik. Außerdem beherbergte der Betrieb eine Imprägnieranstalt für Weinbergspfähle. Dort kam es am 13. August 1890 zu einem großen Brand, in dessen Verlauf 42 Fässer Kreosot und zahlreiche imprägnierte Pfähle in Flammen aufgingen. Der sofortige Einsatz der selbstkonstruierten Feuerspritze des Kueser Mechanikers Julius Heiden ermöglichte jedoch eine schnelle Rettung. Die Bernkasteler Zeitung berichtete über den brisanten Vorfall: „Einzig ist es dessen (Heiden) furchtlosen und energischem Vorgehen, sowie der raschen und fleißigen Bedienung der Spritze durch seine Arbeiter und einiger unerschrockener Bürger von Neu-Kues und Bernkastel zu danken, dass die Gasfabrik nicht ein Raub der Flammen wurde. (…) Obschon beim Anfang des Brandes außer Herrn Heiden und dessen kleiner Spritzenmannschaft sich Niemand der Brandstelle zu Nahen wagte, da jeder eine Explosion des Gasometers befürchtete, so gelang es (…), das Feuer, welches (…) bereits die Dächer der Gasanstalt ergriffen hatte, bis zur Ankunft der Freiwilligen Feuerwehr (…) im Schach zu halten.“

Nach dem Auslaufen des Konzessionsvertrages veräußerte Fabrikbesitzer Dr. Wolf den Betrieb an das Bremer Gaswerks-Unternehmen Carl Francke. 1914 wurde die Gasanstalt von der Aktiengesellschaft Licht- und Kraftwerke der Moselkreise (LIKRA) übernommen. Das Unternehmen belieferte die Stadt Bernkastel-Kues seinerzeit auch mit elektrischem Strom. Die aufkommende Elektrifizierung sollte sich jedoch bald als erhebliche Konkurrenz für das Gaswerk herausstellen. Im August 1922 wurde die Existenz der Fabrik zudem durch ein weiteres Großfeuer bedroht. Mithilfe einer modernen Motorspritze konnte aber auch dieser Brand umgehend von den städtischen Feuerwehren gelöscht werden.

Im späteren Verlauf der 1920er Jahre bewirkte eine angespannte Wirtschaftslage, dass der Gasabsatz stark zurückging. Dies führte so weit, dass die Rentabilität der Kueser Gasanstalt in Frage gestellt wurde.

Um dieser Entwicklung entgegenwirken zu können, führte die LIKRA günstigere Gaspreise ein. Vor diesem Hintergrund erfolgte 1926 die Übernahme der LIKRA durch das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE) Essen.

Während der folgenden Jahrzehnte sank der Gasabsatz in Bernkastel-Kues kontinuierlich, da immer mehr Privathaushalte und Betriebe auf elektrische Energie umgestellt wurden. Darüber hinaus erfolgte zwischenzeitlich eine Umrüstung der gasbefeuerten Straßenbeleuchtung auf elektrisches Licht.

Gegen Ende der 1950er Jahre gab es lediglich noch rund 200 Gasabnehmer in der Stadt. Daher legte das RWE die unrentable Gasfabrik zu Beginn des Jahres 1959 still. Später erfolgte der Abbruch der technischen Apparaturen und des riesigen Gasometers.

Im verbliebenen Teil der RWE-Betriebsstätte wurde eine Lehrküche für elektrisches Kochen eingerichtet.