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"Wir ziehen kampflos ab"

Schutt und Asche: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele Städte (wie auf diesem Bild Bitburg) und Dörfer in der Eifel, an der Mosel und im Hunsrück zerstört. Foto: Kreisarchiv Bitburg-Prüm
Schutt und Asche: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele Städte (wie auf diesem Bild Bitburg) und Dörfer in der Eifel, an der Mosel und im Hunsrück zerstört. Foto: Kreisarchiv Bitburg-Prüm
Am Heiligen Abend 1944 standen im Westen so gegen 18 Uhr "Christbäume" über dem dunklen Horizont. Für eine Achtjährige etwas Faszinierendes. Um 20 Uhr gab es dieselbe Erscheinung im Osten. Anschließend brachten Flugzeuge Tod und Verderben über die ausgeleuchteten Orte Gerolstein und Nohn in der Vulkaneifel. Nach einer ruhig verbrachten Nacht gingen mein Vater, meine zwölfjährige Schwester und ich morgens um 5.30 Uhr zur Mette in den Pfarrort Niederehe. Es war sternenklar und sehr kalt. Auf einer Anhöhe hoch über Niederehe hörten wir einen dumpfen Knall, und unsere Blicke gingen nach Osten. Da flog von Heyroth her eine V1 tief über den Ort Niederehe und erleuchtete die Landschaft taghell. Wir Kinder hatten Angst, da die V1 meist nicht weit flog, abstürzte und explodierte. Es blieb aber alles ruhig, und wir gelangten heil und sicher zur Kirche. Soweit ich mich erinnern kann, fanden an Weihnachten die letzten Gottesdienste in der Kirche statt. Ab dann wurden die Gottesdienste im großen, geräumigen gewölbten Klosterkeller "gefeiert". Auch war, weil die Front immer näher rückte, der Gottesdienstbesuch freiwillig und keine Pflicht mehr. Der Kommunionsunterricht fiel bis auf weiteres aus. Die Schulen waren schon seit dem 1. September 1944 geschlossen. Flieger schossen auf alles, was sich bewegte

Die Tiefflieger der Alliierten waren sehr gefährlich. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, egal ob Kinder, Soldaten oder Zivilisten. Am 1. Januar 1945 kamen dadurch Gottesdienstbesucher auf dem Heimweg im Raum Senscheid - Bodenbach ums Leben. Die Januarwochen blieben erträglich, auch Anfang Februar blieb es ruhig. Ende Februar flogen Tiefflieger über unseren Ort und entdeckten einige Soldaten mit ihren Fahrzeugen in der Ortsmitte. Die Flieger schossen wie wild auf alles, was sich bewegte. Sie drehten ab, kamen zurück und warfen Bomben ab. Ich war bei einer Freundin zum Spielen. Sofort wurden wir in den Keller gebracht. Leider hatte der Keller ein Fenster, durch das ich vorsichtig hinausschaute. So sah ich die Bomben herunterkommen und in dem entfernten Hang hinter den Häusern detonieren. Große Angst hatte ich besonders um meine Familie und das Vieh im Stall. Als dann Ruhe einkehrte, bin ich schnell nach Hause gelaufen. Gott sei dank, alle waren heil und gesund. Auch kein Soldat war verwundet, kein Haus zerstört, keine Kuh verletzt. Alle Bomben waren außerhalb des Orts heruntergekommen und hatten außer Trichtern nichts hinterlassen. Die Soldaten, die seit Herbst 1944 bei uns einquartiert waren, wurden von da an noch vorsichtiger, so dass bis zum Einmarsch der US-Armee keine Bomben mehr abgeworfen wurden. Anfang März 1945 rückte die Kriegsfront immer näher an unseren Ort heran. Eine ganze Kompanie Soldaten (Infanterie) mit dem General, der für diesen Frontabschnitt zuständig war, war neu einquartiert worden. Am 6. März konnten wir die Einschläge der Granaten von uns etwa sieben Kilometer westlich beobachten. Von Hillesheim her kamen die Einschläge immer näher in Richtung meines Heimatorts. Bei Anbruch der Dunkelheit pfiffen die Granaten plötzlich über unser Haus hinweg und schlugen in die Wiese ein, die zwischen dem Schulgebäude und unserem Wohnhaus lag. Wir erschraken sehr und flüchteten in den Keller. Der Hauskeller war gewölbt und von meinem Vater im Herbst vorsorglich noch abgestützt und mit allem Notwendigen versorgt worden. Dort fühlten wir uns einigermaßen sicher. Eine Nachbarsfamilie verbrachte die Nacht ebenfalls bei uns. Wir Kinder versuchten zu schlafen, auf den eingekellerten Kartoffeln hatten uns die Eltern Liegemöglichkeiten geschaffen. Um zu schlafen, war der Beschuss aber zu stark und die Angst zu groß. Ab und zu ging mein Vater nach oben, um nachzusehen, wie gefährlich nahe die Einschläge waren. Meine Großmutter saß neben dem alten Kanonenofen, der die Kellerräume wärmte, und betete unentwegt den Rosenkranz. Gegen Morgen ließ der Beschuss endlich nach, und es blieb tagsüber ruhig. So konnte mein Vater das Vieh im Stall versorgen, es füttern und melken. Wir blieben aus Sorge über die ungewisse Situation den ganzen Tag im Keller. Gegen Abend setzte der Beschuss noch heftiger als nachts zuvor wieder ein. Unsere einquartierten Soldaten verhielten sich sehr ruhig. Ab und zu kam einer der Soldaten nach unten, um sich aufzuwärmen. Vaters bange Frage war dann: "Wird das Dorf verteidigt? Oder zieht ihr kampflos ab?" Der General im Ort war eine große Gefahr für uns. Er entschied das Schicksal unseres Orts. Gegen 4 Uhr morgens kam plötzlich ein junger Soldat aufgeregt nach unten und sagte zu meinem Vater: "Sie haben den Krieg gewonnen, wir ziehen kampflos und sofort ab." Mein Vater war über diese Mitteilung sehr erleichtert und hoffte nur, dass der Soldat recht behalten würde. Der Beschuss ließ auch nach und hörte schließlich gänzlich auf. Vater ging nach oben und schaute nach draußen. Die deutschen Soldaten hatten den Ort in Richtung Nohn und Adenau verlassen. Plötzlich war alles ruhig. Auch wir trauten uns nach draußen und sahen, dass Haus und Hof unbeschädigt waren und unser Vieh im Stall unversehrt die schlimmen Stunden überstanden hatte. Auch die angrenzenden Häuser und Gebäude waren unbeschädigt. Unser Ort war gerettet. Nur in den Wiesen hinter unserm Haus qualmte und brannte es vereinzelt von Einschlägen der Brandgranaten. In der Ferne hörten wir dumpfes Grollen von fahrenden Panzern auf der Straße nach Hillesheim, Berndorf und Kerpen. Gegen 10 Uhr am 8. März kamen die US-Soldaten von Hillesheim her auch in unseren Ort mit Panzern und Jeeps. Ich war schon im Nachbarhaus nachsehen, ob die Familie alles gut überstanden hatte, als die Mutter meines Spielkameraden plötzlich aufgeregt nach uns rief und uns in den Keller schickte. Dort erzählte sie uns, dass die ersten Panzer der US-Armee den Ort erreicht hätten. Wir sollten ruhig und lieb im Keller abwarten, wie sich die Lage entwickeln würde. Wir hatten natürlich große Angst und waren ganz leise. Auf einmal hörten wir oben Gepolter und Stimmen in einer fremden Sprache. Unsere Angst verstärkte sich, besonders, als dann jemand die Kellertreppe herunter kam. Wir konnten aber nichts erkennen, außer einem Maschinengewehr im Anschlag und einem Soldaten, der dieses hielt. Der Soldat hatte eine schwarze Hautfarbe. Seine Augäpfel leuchteten ganz weiß, und seine Zähne blitzten in diesem dunklen Gesicht. Ich habe ihn angestarrt voller Angst und auch voller Neugierde. Er sah aus wie das Negerlein an der Weihnachtskrippe in unserer Pfarrkirche. Über unser Erschrecken musste der US-Soldat lächeln, und unsere Angst war fast weg. Als er wieder hoch ging, nachdem er Unverständliches gefragt hatte, folgten wir ihm neugierig. Draußen auf der Straße standen die Panzer hintereinander, und die US-Soldaten berieten den weiteren Verlauf des Vormarschs. Da niemand der Dorfbewohner englisch sprechen konnte, war eine Verständigung nicht möglich. Nach etwa 30 Minuten setzte sich der Vormarsch fort, und die US-Soldaten verließen den Ort Richtung Niederehe. Schnell lief ich nach Hause, um mein Erlebnis zu erzählen und zu hören, wie es meiner Familie ergangen war. Mein Vater hatte den US-Soldaten zu verstehen gegeben, dass keine deutschen Soldaten mehr im Ort waren. Daraufhin hatten sie von Hausdurchsuchungen abgesehen und waren weitergezogen.Für Loogh war der Krieg am 9. März vorbei

Mein Vater und ich haben später die Einschläge der Granaten skizziert und folgendes festgestellt: Die US-Armee wusste von der stationierten Kompanie samt General und hatte einen genauen Lageplan des Ortes vorliegen. Durch einen Umstand, den wir nicht kennen, wurde die Beschießung des Orts um etwa 300 Meter nach Südwesten verlegt. Ansonsten wäre das ganze Dorf in Schutt und Asche gelegt worden. Wir hatten großes Glück und waren sehr dankbar. Am 9. März 1945 war der Zweite Weltkrieg für den kleinen Ort Loogh in der Eifel zu Ende. Ich war damals neun Jahre alt. Gertrud Hardt, geborene Klasen, ist geboren und aufgewachsen in Loogh/Eifel. Durch die Heirat kam sie an die Mosel nach Neumagen-Dhron, wo sie seit 40 Jahren lebt.