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Müssen Ältere lange Zeit auf Kontakte und Besuche verzichten?

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesellschaft : Müssen Ältere lange Zeit auf Kontakte und Besuche verzichten?

Bei der Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen wird darüber nachgedacht, kranke Menschen weiterhin zu isolieren. Experten mahnen, das öffentliche Leben nur schrittweise hochzufahren.

Dürfen Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen auch dann nicht uneingeschränkt aus dem Haus, wenn die rigiden Ausgangsbeschränkungen  und Kontaktsperren möglicherweise bald gelockert werden? Politiker wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) haben sich dafür ausgesprochen, dass ältere und kranke Menschen deutlich länger ihre Kontakte reduzieren müssten als andere, um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen. So lange zumindest, bis es einen Impfstoff gegen das Virus gibt.

Das sagt auch Thomas Biundo. Der Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie leitet die geriatrische Reha St. Irminen in Trier. Er warnt vor allem im Hinblick auf die Risikogruppen, bei denen eine Corona-Infektion häufig zu schweren, lebensbedrohlichen Verläufen führen kann, die derzeitigen Schutz­maßnahme grundlos zu lockern. Es bestehe die Gefahr, dass man ansonsten den Tod vieler Älterer riskiere. Daher müssten auch die Besuchsverbote in Altenheimen und Krankenhäusern noch länger bestehen bleiben. Ähnlich sieht das der Präsident der Landesärztekammer, Günther Matheis: „Eine Exit-Strategie sollte  nur schrittweise erfolgen.“ Die Beschränkungen in Altenheimen und bei den besonderen Risikogruppen sollten solange bestehen bleiben, bis man absehen könne, ob man auch hier nach und nach Lockerungen vornehmen könne.

Der Sozialverband VdK warnt allerdings: „Gerade für ältere Menschen und Pflegebedürftige ist die Kontaktsperre eine große psychische Belastung; sie darf nicht länger dauern als nötig“, sagt Michael Finkenzeller, Sprecher des VdK Rheinland-Pfalz.

Großbritannien plant offenbar bereits, dass sich über eine Million Menschen mit Vorerkrankungen drei Monate lang in eine häusliche Quarantäne begeben sollen, wenn für den Rest der Bevölkerung die Beschränkungen gelockert werden.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte, es werde auch nach Lockerungen weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben geben. So werde es auf absehbare Zeit keine Großveranstaltungen geben.

In der kommenden Woche wollen die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Telefonkonferenz über eine Lockerung der Maßnahmen und den Zeitpunkt dafür beraten. Klar ist: Das öffentliche Leben wird schrittweise, über mehrere Monate wieder langsam hochgefahren. Dafür plädiert auch eine Forschergruppe um den Präsidenten des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest. Bereiche mit geringer Ansteckungsgefahr wie hochautomatisierte Fabriken oder Unis und Schulen könnten zunächst wieder geöffnet werden, heißt es in einem Positionspapier, das unserer Zeitung vorliegt.

Noch ist nicht klar, wann die Schulen wieder öffnen werden. Cornelia Schwartz, Vorsitzende des  rheinland-pfälzischen Philologenverbands, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, spricht sich dafür aus, Schulen zunächst gestaffelt zu öffnen, wobei einzelne Schüler früher in die Schulen gingen als andere.

Ausgangsbeschränkungen könnten dadurch gelockert werden, dass angemessene Schutzmaßnahmen längere Zeit beibehalten würden, etwa Abstandhalten, das Tragen von Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit und beim Treffen von kleinen Gruppen, empfiehlt die Forschergruppe.