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Landwirtschaft
Nix da mit Winterruhe: Der Kohl sprießt weiter (Video)

Die Gärtner Hannah aufm Kampe und Marius Braun in der Solawi-Scheune auf Hof Breit bei Wittlich. Wer sein Gemüse schon abgeholt hat, hängt sein Holzschildchen um.
Die Gärtner Hannah aufm Kampe und Marius Braun in der Solawi-Scheune auf Hof Breit bei Wittlich. Wer sein Gemüse schon abgeholt hat, hängt sein Holzschildchen um. FOTO: TV / Katharina de Mos
Wittlich. Noch ist Solidarische Landwirtschaft eine Nische. Doch das Interesse wächst. Auch, weil immer mehr Höfe beweisen, dass die Umstellung sich für alle Beteiligten lohnt. Unter ihnen der Demeterhof Breit bei Wittlich. Von Katharina De Mos

In den USA oder in Japan gibt es längst Tausende Höfe, die nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) arbeiten. In Deutschland ist die Bewegung noch jung, aber sehr dynamisch. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Betriebe verzehnfacht. Rund 200 sind es laut Netzwerk Solidarische Landwirtschaft inzwischen. Tendenz steigend. Selbst der traditionsreiche Bauern- und Winzerverband zeigt sich interessiert und beteiligt sich bald in Trier an einer Info-Veranstaltung zum Thema (siehe Extra): „Jeder muss gucken, wie er heute seine Nische findet“, sagt der Trier-Saarburger Kreisgeschäftsführer Gerhard Brenner, der den Strukturwandel in der Landwirtschaft mit Sorge betrachtet: weg von den kleinen Familienhöfen hin zu immer größeren, industrielleren Produktionsformen. Und das, während es immer mehr Verbrauchern wichtig ist, zu wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie diese produziert wurden. Wer sein Gemüse von einem Solawi-Betrieb bezieht, kann sich das nicht nur ganz genau angucken, sondern auch mitmachen. Auch auf dem Demeterhof Breit bei Wittlich, wo es seit Anfang 2018 eine Solidarische Landwirtschaft gibt – die wohl größte der Region. Auf rund einem Hektar Land bauen zwei Gärtner mehr als 30 verschiedene Sorten zertifiziertes Biogemüse an, das nach den Richtlinien des Demeterverbands erzeugt wird. An den „Mitmachtagen“ werden sie unterstützt von allen Solawi-Teilnehmern, die Zeit und Lust haben, selbst zu gärtnern. Das seien nicht nur Rentner und Studierende, sondern auch Berufstätige, die sich dafür gezielt freinehmen.

Prall und grün wächst Feldsalat in langen Reihen, üppige Grünkohlwedel schwanken auf ihren langen Stielen im Herbstwind, und der rote Mangold bringt Farbe in graue Landschaft, während im Tunnelzelt Spezialitäten gedeihen, nach denen man in den meisten Supermärkten lange und vergeblich suchen würde: darunter Asiasalate und Hirschhornwegerich – eine alte Salatsorte mit salzig-nussiger Note, die derzeit Renaissance feiert.

Nix da mit Winterruhe. Hannah aufm Kampe (36) und Marius Braun (29) sorgen mit ihrem wochengenauen Pflanzplan dafür, dass es das ganze Jahr über frisches Gemüse gibt. „Das hat richtig gut geklappt“, freut sich Braun. Die Kühlräume sind prall gefüllt mit Kohlköpfen, das Wurzelgemüse lagert in Sand, und in der Abholscheune stapeln sich die Hokkaidokürbisse.

Einmal in der Woche holen sich die Teilnehmer ihre Ernteration ab. Auf einer großen Tafel ist zu lesen, wie viel Obst und Gemüse jedem Haushalt zustehen. Diesmal sind es je ein Wirsing, Blumenkohl, Zuckerhut und Sellerie, ein Bund Zwiebeln, zwei Kilo Kartoffeln, vier Äpfel, 0,25 Kilo Feldsalat, 0,6 Kilo Tomaten, dazu etwas Asiasalat, Rosenkohl und Petersilie. Die „Ernteteiler“ wiegen alles selbst ab, ehe sie es in ihre Kisten legen. Auf Verpackungen kann man so verzichten.

70 Anteile hat der junge Solawibetrieb bereits im ersten Jahr seiner Existenz ohne größere Öffentlichkeitsarbeit vergeben – 17 davon an den Laden des Hofes Breit, der das Gemüse neben zahlreichen anderen vor Ort erzeugten Bio-Produkten anbietet. Die übrigen Anteile halten Bürger aus der Umgebung. Genau wie in Trier kostet ein solcher Anteil im Schnitt 85 Euro pro Monat (siehe Text oben). Und genau wie in Trier ermöglicht die Solidargemeinschaft es auch Menschen mit weniger Geld, mitzumachen.

„Solidarische Landwirtschaft ist das Aushängeschild, wie es auch anders laufen kann und wie man den Graben zwischen Konsument und Produzent schließen kann“, sagt der junge Landwirt. Es sei für alle eine Win-win-Situation. „Die Leute wissen, wo das Gemüse herkommt und können selbst Hand anlegen.“ Und da sie fest zugesagt haben, ihren Anteil ein Jahr lang zu finanzieren, haben die Gärtner Planungssicherheit für ein ganzes Jahr. Eine Sicherheit, von der die meisten anderen Landwirtschaftsbetriebe nur träumen können.

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