1. Region

INTERVIEW Walter Gradel: „Patienten haben nichts zu befürchten“

INTERVIEW Walter Gradel : „Patienten haben nichts zu befürchten“

Der Vorsitzende der Bezirksärztekammer Trier konkretisiert seine Aussagen zum Zulassungsverzicht.

Herr Gradel, Sie haben den kollektiven Zulassungsverzicht ins Gespräch gebracht und damit für viel Aufsehen gesorgt. Warum denken Sie über einen solchen Schritt nach?

WALTER GRADEL Wir Ärzte haben den Sicherstellungsauftrag, mit dem die medizinische Versorgung der Bürger gewährleistet wird, von den Krankenkassen übernommen. Dadurch sind wir verpflichtet, rund um die Uhr eine ambulante ärztliche Versorgung sicherzustellen. Das müssen wir tun, egal, was mit uns gemacht wird. Dadurch können wir uns gegen keine Vorgaben von der Politik und den Kassen wehren. Wir haben kein Streikrecht. Aber das Vertragsarztsystem wird immer mehr reguliert: Es werden immer mehr Vorgaben gemacht, die es immer unattraktiver machen, sich als Arzt mit eigener Praxis niederzulassen. Daher habe ich den kollektiven Zulassungsverzicht ins Spiel gebracht.

Welche Vorgaben sind das?

GRADEL Das sind zum Beispiel Arzneimittel- und Heilmittelregresse. Wir werden in Verantwortung genommen, wenn wir viele kranke Patienten haben, die viele Verordnungen brauchen. Dann kann es sein, dass die Kassen sagen: Du hast zu viel verordnet, und wir wollen das Geld für die zu viel verordneten Arzneimittel von dir zurückhaben.

 Dr. med. Walter Gradel, Facharzt für Innere Medizin und Vorsitzender der Bezirksärztekammer Trier.
Dr. med. Walter Gradel, Facharzt für Innere Medizin und Vorsitzender der Bezirksärztekammer Trier. Foto: Bernd Wientjes

Hat die Zahl dieser Regressforderungen zugenommen?

GRADEL Nein, sie hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Das hat aber nicht dazu geführt, dass die Angst vor diesen Regressen bei den Kollegen abgenommen hat. Die Regressandrohungen haben immer noch abschreckende Wirkung auf junge Ärztinnen und Ärzte.

Führt diese Angst dazu, dass Ärzte weniger als vielleicht notwendig für die Patienten verordnen?

GRADEL Das kann schon sein. Aber in der Regel wird bei den Verordnungen genau geschaut, was notwendig ist und was nicht. Ich verschreibe zum Beispiel nicht bei jeder kleinen Verspannung Massagen, weil ich mein Budget etwa für meine Schlaganfallpatienten schonen möchte, die Arznei- und Heilmittel dringend brauchen. Um das noch mal deutlich zu machen: Durch die Angst vor Regressen werden den Patienten sicherlich keine Therapien vorenthalten.

Von welchen Größenordnungen sprechen wir denn bei den Regressforderungen?

GRADEL Die meisten Forderungen belaufen sich auf ein paar Hundert, vielleicht auch 1000 oder 2000 Euro. Wenn das Budget über mehrere Quartale überschritten wird, können die Kassen auch schon mal mehrere Zehntausende Euro, in seltenen Extremfällen auch über 100 000 Euro zurückverlangen.

Sie sprachen eben davon, dass wegen der Angst vor Regressen viele junge Ärzte nicht mehr bereit sind, sich niederzulassen. Was bedeutet das?

GRADEL Wir werden in den nächsten fünf Jahren ein massives Versorgungsproblem bekommen. Und dann wird es auch keinen Unterschied mehr machen, ob Sie privat oder gesetzlich versichert sind. Wenn in der Eifel oder an der Mosel kein Arzt mehr ist, wird die medizinische Versorgung für alle schwierig.

Woran liegt das?

GRADEL Die Krankenkassen und die Gesundheitspolitik auf Bundesebene haben in den letzten Jahren zu einer kontinuierlichen Verschlechterung der Rahmenbedingungen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte beigetragen. Zum einen die Regresse, aber auch die gedeckelte Gesamtvergütung, durch die nicht alle Leistungen, die wir erbringen, vergütet werden, oder auch die jetzt geplanten Vorgaben mit Ausweitung der Sprechstundenzeiten machen es für junge Kolleginnen und Kollegen immer unattraktiver, in die eigene Praxis zu gehen. Wir reißen uns in den Regionen und auf Landesebene sämtliche Beine aus, um den Nachwuchs zu fördern und um die ambulante ärztliche Versorgung in der Zukunft zu stärken. Alle diese Maßnahmen werden zunichte gemacht durch die Gesundheitspolitik auf Bundesebene. Mich wundert, dass hier nicht mehr Widerstand von den Landesregierungen kommt.

Und aus diesem Grund halten Sie einen kollektiven Zulassungsverzicht für einen möglichen Schritt, um einen Systemwechsel herbeizuführen. Wie kann dieser Wechsel aussehen?

GRADEL Es wäre eine Möglichkeit. Die Krankenkassen wären dann für den Sicherstellungsauftrag verantwortlich, und wir könnten mit den Krankenkassen auf Augenhöhe verhandeln, unter welchen Bedingungen wir die ambulante Versorgung übernehmen. Und das würde auch funktionieren. Zumindest bei uns in der Region gibt es keine Struktur, die die Versorgung sonst übernehmen könnte. Bei bis  zu 30 000 Arzt-Patientenkontakten pro Tag in den rund 700 Arztpraxen unserer Region ist klar, dass zum Beispiel die Krankenhäuser die Versorgung nicht mitübernehmen könnten.

Geht es Ihnen dabei nur um mehr Geld?

GRADEL Nein. Es geht nicht primär um mehr Geld, sondern um die Arbeitsbedingungen in unseren Arztpraxen. Wenn hierfür mehr Geld gebraucht würde, dann wäre das halt so, aber wie gesagt, darum geht es nicht in erster Linie.

Sie gehen davon aus, dass trotz eines kollektiven Zulassungsverzichts die Kassenpatienten auch weiterhin von ihrem Arzt behandelt werden können?

GRADEL Ja. Die Versorgung von Kassenpatienten wäre auf jeden Fall geregelt. Das Gesetz sieht vor, dass der Arzt auch in diesem Fall Kassenpatienten weiter behandeln  und das auch mit den Krankenkassen abrechnen kann. Die Kassenpatienten müssen sich also keine Sorgen machen. Sie sollten sich eher Sorgen über die Zukunft ihrer ambulanten ärztlichen Versorgung machen.

Wird es Ihrer Einschätzung nach in absehbarer Zeit zu einem solchen kollektiven Zulassungsverzicht kommen?

GRADEL Nein, ich denke nicht, dass es in nächster Zeit dazu kommen wird. Die erforderliche Anzahl von Ärztinnen und Ärzten zusammenzubekommen, ist im Moment utopisch. Es gibt zunehmend angestellte Ärzte, die können gar keine Kassenzulassung zurückgeben,  und viele, gerade auch ältere Kollegen, wollen verständlicherweise kein Risiko mehr eingehen. Deshalb habe ich auch nicht konkret zum kollektiven Zulassungsverzicht aufgerufen. Sondern es war ein politisches Statement, um den Krankenkassen und der Politik zu signalisieren, dass die Übernahme und Erfüllung des Sicherstellungsauftrages durch die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht in Stein gemeißelt ist.