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Wirtschaft
Personalnot: Firmen in der Region entgehen über 100 Millionen Euro

FOTO: dpa / Patrick Seeger
Trier. Tausende Fachkräfte fehlen im Handwerk, in der Industrie, im Handel oder in der Pflege. Die Auftragsbücher sind übervoll, die Kunden müssen warten – es wäre viel mehr Umsatz drin. Von Katharina De Mos

Mit dem Fachkräftemangel ist es wie mit dem Klimawandel: Jahrelang wurde darüber gesprochen. Ein scheinbar fernes Schreckgespenst. Und plötzlich ist er da und schmerzhaft spürbar. Für Betriebe, die verzweifelt nach Personal suchen, aber auch für Privatleute, die sich um ausgelastete Handwerker reißen oder die lange auf Waren und Dienstleistungen warten müssen.

Die Experten der Trierer Kammern schätzen, dass dem regionalen Handwerk aktuell 1600 Mitarbeiter fehlen. In Industrie und Handel seien es sogar 6000 bis 7000 Fachkräfte. Hinzu kommt, dass in der Region ein Wettbewerb um Auszubildende entbrannt ist, die ebenfalls immer schwerer zu finden sind. 2000 Lehrstellen waren diesen Sommer offen.

„Wo sind die jungen Leute nur alle hin?“, mag sich mancher fragen. Die Antwort  ist komplex. Denn die Ursachen sind vielfältig. „Der Hauptgrund ist die rückläufige demografische Entwicklung, die besonders den ländlichen Raum trifft“, teilt die Handwerkskammer (HWK) mit. Hinzu kommt, dass viele lieber nach Luxemburg gehen, wo sie mehr verdienen. Oder dass sie erst gar keinen Ausbildungsberuf ergreifen, weil sie studieren wollen.

Aber nicht nur die Jungen, auch die Älteren fehlen: „Die Rente mit 63 wird stärker nachgefragt als gedacht“, sagt Matthias Schmitt von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Die Arbeitslosigkeit ist zudem auf ein Rekordtief gesunken.

Und das alles bei einer Auftragslage, die kaum noch zu übertreffen ist. Vielen geht es wirtschaftlich gut, sie haben keine Angst um ihren Job, keine Bedenken, Geld auszugeben. Da die Zinsen weiter günstig sind, boomt die Baubranche. Und selbst, wenn es im Rest Deutschlands mal nicht so rundläuft, ist das in der Region kaum spürbar. „Wir sind nicht so stark vom Export abhängig“, sagt Schmitt. Liegt die Exportquote landesweit bei 50 Prozent, so sind es in der Region nur 30.

Die Folge von Fachkräftemangel bei rappelvollen Auftragsbüchern: Unternehmen kommen kaum hinterher. Laut HWK warten Kunden im Schnitt zwei Monate auf den Handwerker. Laut IHK kommt es zu längeren Lieferzeiten. Mancher Auftrag wird erst gar nicht angenommen. Schmitt schätzt, dass der Region pro Jahr 100 bis 150 Millionen Euro Wertschöpfung entgehen. Betroffen sind so gut wie alle Branchen. Besonders stark Handwerk, Industrie, IT-Bereich, Logistik, Gastronomie oder Pflegeberufe. Laut Gesundheitsministerium fehlen landesweit 1900 Pflegekräfte.

„Volkswirtschaftlich ist der Personalmangel eine Wachstumsbremse“, sagt Matthias Schwalbach von der HWK. Viele Unternehmen könnten ihre Aufträge im zweistelligen Prozentbereich steigern, wenn sie genug Fachleute hätten.

Für Arbeitskräfte hat das Ganze auch was Gutes: Sie sind begehrt, haben Auswahl und können höhere Löhne verlangen. Laut Schmitt müssen Unternehmen sich bemühen, attraktiv zu sein: Weiterbildungen anbieten oder Sommerfreizeiten für den Nachwuchs organisieren.

Schon jetzt ist der Fachkräftemangel deutlich größer als in anderen Regionen Deutschlands. Denn 30 000 von 170 000 Beschäftigten in der Region pendeln aktuell nach Luxemburg.

Und Schmitt ist überzeugt, dass das Problem sich verschärfen wird. Ab 2020 werde es wegen der demografischen Entwicklung virulenter.

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