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„Post mit Herz“: Weihnachtskarten für einsame Menschen

„Post mit Herz“ : Weihnachtskarten für einsame Menschen: Frohes Fest, lieber Fremder!

Weihnachtskarten sind altmodisch? Von wegen! Die Initiative „Post mit Herz“ ruft dazu auf, einsamen Fremden herzliche Zeilen zu schreiben. Schon 30 000 Menschen und 300 Einrichtungen machen mit. Unser Autor auch – und erlebt eine Achterbahn der Gefühle.

Es ist Dienstagabend. Meine elektrische Zahnbürste brummt. Gedankenverloren schaue ich in den Spiegel. War wieder ein harter Arbeitstag heute. Jetzt nur noch ab ins Bett. Nach dreimaligem Spülen spucke ich den Zahnpastarestschaum ins Waschbecken. Ich schlüpfe ins Schlafshirt, unter die Decke und rein in das letzte Erlebnis des Tages: Instagram. Das Durchklicken der Beiträge meiner Freunde lässt mich an deren Leben teilhaben. Oh, Dennis hatte heute Pizza! Ach, Lara ... rauch’ doch nicht wieder so viel Wasserpfeife. Als ich die Laufroute einer meiner Freunde sehe, fühle ich mich schlecht. Das ist alles eigentlich belangloses und schnödes Präsentieren von Dingen, die man auch für sich behalten könnte. Instagram halt.

Aber Moment, was ist das? Eine Freundin postet eine Weihnachtskarte. „Empfänger: unbekannt“, schreibt sie. Sie verlinkt eine Seite namens „Post mit Herz“. Hmmm. Mein Daumen tippt aufs Display und lässt mich auf die Seite reisen. Noch mehr Weihnachtskarten! Empfänger: unbekannt. Doch die Schönheit der Beiträge ist allgegenwärtig. Wundervoll gebastelte Herzen hier, liebe Worte da. Ich klicke auf die zugehörige Website postmitherz.org. Als ich lese, was es mit dieser Initiative auf sich hat, bin ich gepackt. Fasziniert. Glücklich. Das ist alles anderes als belangloses Präsentieren. Etwas, das man nicht für sich behalten sollte.

 Vor allem in diesem Jahr fühlen sich aufgrund von Besuchsverboten viele Menschen in Seniorenheimen und Krankenhäusern einsam. Um das zu verhindern, haben Ehrenamtliche die Aktion „Post mit Herz“ ins Leben gerufen.
Vor allem in diesem Jahr fühlen sich aufgrund von Besuchsverboten viele Menschen in Seniorenheimen und Krankenhäusern einsam. Um das zu verhindern, haben Ehrenamtliche die Aktion „Post mit Herz“ ins Leben gerufen. Foto: TV/Post mit Herz

Die Idee hinter „Post mit Herz“ ist schnell und leicht erklärt. Dennoch, am besten kann das wohl eine der Initiatorinnen. Rumi Kirjakov ist 33, kommt aus Hamburg. Sie hasst den Gedanken daran, dass Menschen – vor allem an diesem Weihnachten – einsam sind. „Also haben wir aus einer ganz kleinen Idee ‚Post mit Herz’ geschaffen“, erklärt sie mir im Gespräch. So funktioniert das Projekt: Menschen registrieren sich mit ihrer E-Mail-Adresse auf der Homepage, erhalten dann eine Mail mit der Adresse einer Einrichtung (Krankenhäuser, Seniorenheime und vieles mehr), der sie eine Weihnachtskarte schreiben sollen. Irgendwo in Deutschland. Ohne zu wissen, wer sie liest. Nur mit der Sicherheit, dass sich jemand darüber freut. „Es geht darum, dass die Menschen etwas schreiben, das von Herzen kommt“, erklärt mir Rumi.

Von Herzen? Kann ich. Ich klicke auf die Homepage, erhalte eine Mail, lese die Adresse. Das Seniorenheim Katharinenhof am Schwarzen Berg in Stade ist mein zufälliger Empfänger. Das ging ja schnell. Ich klicke gleich nochmal. Diesmal erhalte ich die Aller-Weser-Klinik in Achim, südöstlich von Bremen. Der erste Schritt ist getan. Es ist immer noch Nacht. Eine schlechte Zeit zum Basteln. Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich und schließe die Augen.

Tags darauf fahre ich direkt zum nächsten Geschäft. Dabei fällt mir ein, dass ich schon im Kindergarten einer der miserabelsten Bastler der Hasengruppe war. Aber Schreiben kann ich ganz gut, glaube ich.

Ich entscheide mich also für fertige Weihnachtskarten. Briefmarken dazu, ab nach Hause. Dann sitze ich am Schreibtisch. Wie schreibt man eine Karte an jemanden, den man nicht kennt? Der Kugelschreiber berührt das Papier, doch schreibt nichts. Ich stocke.

Ein Moment, mit dem ich nicht alleine bin, erklärt mir Rumi: „Viele sagen uns, dass sie am Anfang nicht wissen, was sie schreiben sollen. Wenn sie dann aber mal angefangen haben, geht es wie von selbst. Es ist nicht wichtig, was man schreibt. Es muss nur von Herzen kommen.“ Sie erzählt mir von Rückmeldungen, dass Schreiber sich bei den ersten Zeilen schwertaten, am Ende aber ein dreiseitiger Brief dabei herauskam.

 Auch wenn die ersten Zeilen schwerfallen, geht das Schreiben einer Karte danach wie von selbst.
Auch wenn die ersten Zeilen schwerfallen, geht das Schreiben einer Karte danach wie von selbst. Foto: TV/Post mit Herz

Drei Seiten sollen es bei mir nicht werden. Überhaupt, was passt schon auf eine Weihnachtskarte? Drei Sätze, oder? Ich fange an zu schreiben. „Lieber Unbekannter“ – diese Anschrift fühlt sich komisch an. Moment, gendern nicht vergessen! Ich schreibe ein „Liebe Unbekannte“ dahinter. Fühlt sich besser an, aber immer noch komisch. Stelle ich mich vor? Schreibe ich, dass ich Journalist bin? Was, wenn der Gegenüber dann Ansprüche an die literarische Finesse der Karte hat. Alles Gedanken, die mich vom Schreiben abhalten. Und Gedanken, die verschwinden, sobald ich anfange.

Den restlichen Inhalt der beiden Karten möchte ich für mich behalten – und für den unbekannten Empfänger. So viel sei verraten: Rumi hat Recht. Sobald ich das Schreiben begonnen habe, geht es wie von selbst. Wenige Minuten später sind beide Innenseiten der Karte gefüllt. In einer Schrift, die immer kleiner wird, weil mir immer mehr Dinge in den Kopf kommen, die ich dem Unbekannten erzählen möchte. Ich schwanke zwischen Glück und dem traurigen Gedanken daran, dass mein Gegenüber aufgrund von Besuchsverboten und Krankheit vermutlich wirklich einsam ist.

Diese Achterbahn der Gefühle durchlebt auch das Team von „Post mit Herz“, erzählt mir Rumi. „Wir sind am laufenden Band berührt“, sagt sie. Wir, das ist in diesem Fall ein Team von acht Ehrenamtlichen, die durch verschiedene Berufsgruppen verteilt sind. Entwickler, Grafiker, und vieles mehr. Berührt sind Rumi und das Team sowohl von
Rückmeldungen durch Schreiber, als auch in den Momenten, wenn die Einrichtungen sich melden und sagen, dass die Karten angekommen sind. „Dann merken wir, dass es real ist und wirklich passiert. Es ist wundervoll, dass sich von Kindertagesstätten bis zu Senioren alle beteiligen und so viele verschiedene Menschen Weihnachtskarten mit Herz verschicken.“

Auch ich verschicke meine Karten – direkt an die Einrichtungen. Aber nicht bevor ich einen kleinen Zettel mit meiner Adresse hineingetan habe, falls der Unbekannte mir schreiben möchte – und kann. Die Momente zwischen dem Aufkleben der Briefmarke und dem Einwerfen der Karten erfüllen mich mit Glück. Die Achterbahn der Gefühle ist angekommen.

Mit der Teilnahme an dieser Initiative bin ich bei Weitem nicht alleine. Fast 30 000 Weihnachtskarten sind über „Post mit Herz“ bereits verschickt worden – an über 300 Einrichtungen. Beeindruckend: Das Projekt startete erst vergangenen Mittwoch. „Dass das so angenommen wird, haben wir nicht erwartet“, sagt Rumi Kirjakov. Wer noch mitmachen und sichergehen möchte, dass seine Karte bis Weihnachten ankommt, kann das noch tun. „Wir haben die Frist verlängert“, sagt Rumi. Bis 20. Dezember können Schreiber auf www.postmitherz.org mitmachen. Nicht nur das: Aufgrund des Erfolges soll die Initiative nach Weihnachten nicht enden, sondern weitergeführt werden. Wie, das ist noch unklar. „Aber Einsamkeit gibt es immer“, sagt Rumi.

Auch wenn es sie gibt, hoffe ich, dass ich sie mit meinen Karten etwas bekämpft habe. Vielleicht liest sie jemand, bevor er schlafen geht. Während ich durch Instagram scrolle.