| 19:33 Uhr

Tagung
Aufruf: Europa vor Ort leben!

Norbert Lammert (rechts), Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, hat Esch-sur-Alzette als Integrative Stadt 2018 ausgezeichnet. Bürgermeister ­Georges Mischo freut sich.
Norbert Lammert (rechts), Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, hat Esch-sur-Alzette als Integrative Stadt 2018 ausgezeichnet. Bürgermeister ­Georges Mischo freut sich. FOTO: TV / Katharina de Mos
Trier. Prominente Politiker werben bei einem Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung in Trier dafür, in den Gemeinden mehr für die EU zu tun. Von Katharina De Mos

Während der Nationalismus erstarkt und Menschen ernsthaft erwägen, Grenzen zu schließen, hat die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in der Europäischen Rechtsakademie in Trier darüber diskutiert, wie man Europa stärken kann. In den Kommunen, die – da sind sich die Redner einig – eine zentrale Rolle spielen. „Politik findet am Ende immer vor Ort statt“, sagt Norbert Lammert, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der Stiftung. Aus der Wirtschaftsgemeinschaft sei eine politische Union von 28 Staaten geworden, „aber es drängt sich die Frage auf, ob Europa auch erwachsen geworden ist“. In immer mehr Mitgliedstaaten fielen ihm „pubertäre Reflexe“ auf, sagt Lammert. Die Frage sei auch, ob die Menschen noch mitkommen „mit dem, was da wächst und wie es wächst“. Trier sei der perfekte Ort, um solchen Fragen nachzugehen.

Auch dessen Oberbürgermeister Wolfram Leibe antwortet mit einem klaren „Nein“ auf die Frage, ob in der EU alles gut sei. Da genüge ein Blick ins grenznahe Frankreich, wo 60 Prozent der Menschen Front National gewählt hätten, obwohl Lothringen ganz ähnlich von Luxemburg profitiere wie Trier. „9000 Trierer pendeln jeden Tag über die Grenze, 27 000 Trierer leben von Luxemburg“, sagt Leibe. Die Quattropole richte Kulturpreise und Sportveranstaltungen aus, und kürzlich sei der erste länderübergreifende Reiseführer erschienen. „Das ist Europa konkret“, findet Leibe. „Für viele ist die EU nicht greifbar, wenn sie ihren Mehrwert nicht spüren“, betont Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Meist werde über Europa dann berichtet, wenn etwas schiefgehe. „Wir brauchen Botschafter für das, was gut läuft“, sagt sie. Beispiele gebe es genug: Die Handygebühren seien im Ausland nun deutlich angenehmer, früher habe man sie im Nachtzug nach Polen an der Grenze jäh geweckt, nun merke man gar nicht, wenn man in ein anderes Land komme, der ländliche Raum werde stark gefördert, und es gebe klare Standards für hochwertige Lebensmittel und sauberes Trinkwasser. „Wir müssen den Funken für Europa wieder neu entzünden“, fordert Klöckner. Daran erinnern, welch ein Erfolgsprojekt Europa sei, das den Staaten eine Ära des Friedens und der Stabilität gebracht habe. Die Ministerin nimmt sämtliche Politiker in die Pflicht.  „Wenn wir Geld verteilen, dann fällt ganz oft unter den Teppich, wie viel von diesem Geld aus Brüssel kommt.“ Man müsse zeigen, wie wichtig die Gemeinschaft auch in den Gemeinden ist. Der Schlüssel für Europa liege vor Ort.

Ein Ort, der am Freitag in Trier besonders geehrt wurde, ist das luxemburgische Esch-sur-Alzette, das Lammert als „Integrative Stadt 2018“ auszeichnete.  Mehr als 50 Prozent der Escher sind Ausländer. Viele kamen als Arbeiter in die ehemalige Bergbaustadt. „Integration ist ein langer Prozess“, sagt Bürgermeister Georges Mischo. Balanceakt und Chance. Mit Hilfe der Escher sei in seiner Stadt ein schönes Patchwork entstanden.