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Prozess gegen Trierer Amokfahrer. Opfer und Hinterbliebene leiden noch immer.

Kriminalität : Amok-Prozess reißt alte Wunden wieder auf

Wenn sich ab diesem Donnerstag der mutmaßliche Amokfahrer Bernd W. vor dem Trierer Landgericht verantworten muss, bedeutet das vor allem für die Opfer und die Hinterbliebenen eine enorme seelische Belastung.

Das, was sie am Mittag des 1. Dezember vergangenen Jahres in der Trierer Innenstadt erlebt haben, hätten die Opfer und Augenzeugen noch längst nicht verarbeitet, sagt Bernd Steinmetz. Er leitet die Telefonseelsorge Trier und betreut für die Stiftung Katastrophen-Nachsorge Betroffene der Amokfahrt. In zwei Treffen seien diese auf den am Donnerstag beginnenden Prozess vorbereitet worden. Dadurch würden bei vielen wieder Wunden aufgerissen, ist Steinmetz überzeugt. Gleichzeitig soll der Prozess gegen den mutmaßlichen Amok-Fahrer auch zur Verarbeitung beitragen. „Ihnen geht es um Gerechtigkeit. Sie erwarten ein klares Schuldbekenntnis des Angeklagten“, sagt Steinmetz. Rachegefühle gegenüber dem 51-Jährigen, der zuletzt im Trierer Stadtteil Zewen gelebt hat, hegten die wenigsten.

14 der Opfer und Hinterbliebenen werden als Nebenkläger beim Prozess dabei sein oder von ihren Anwälten vertreten werden. So wie der Bruder einer durch die Amokfahrt getöteten Frau. Er wolle dem Angeklagten zumindest am ersten Prozesstag in die Augen schauen, sagt dessen Anwalt Otmar Schaffarczyk. Und: „Er erhofft sich eine Antwort auf die Frage: Warum?“. Warum ist Bernd W. an diesem Dezember-Dienstag durch die Trierer Fußgängerzone gerast und dabei mit einem Land Rover „immer wieder zielgerichtet auf Menschen zugesteuert, um diese zu töten, wobei er ausgenutzt habe, dass die in der Fußgängerzone flanierenden Passanten sich keiner Gefahr durch ein mit hoher Geschwindigkeit geführtes Fahrzeug versahen“, heißt es in der Anklage. Der mutmaßliche Täter soll stark angetrunken gewesen sein, 1,12 Promille wurde bei einer Blutprobe nachgewiesen. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigt dem Trierer, an Psychosen zu leiden. Diese beiden Aspekte – Alkohol und psychische Erkrankung – könnten sich auf das Strafmaß auswirken. Dann nämlich, wenn das Gericht Bernd W. eine verminderte Schuldfähigkeit zuspricht. Um Hintergründe und Tat aufzuklären, hat die Staatsanwaltschaft insgesamt 291 Zeugen benannt.

Nach der Tat haben sich rund 100 Betroffene im Büro des Opferbeauftragten des Landes, Detlef Placzek, gemeldet. Viele wollten einen Antrag auf Opferentschädigung stellen oder zeitnah einen Therapieplatz erhalten. Einige hätten sich auch erst Monate später gemeldet, sagt eine Sprecherin von Placzek.

Circa 80 Opfer hätten psychotherapeutische Hilfe durch Vermittlung des Landes in Anspruch genommen. Wie hoch die durch das Land gezahlten Entschädigungen und Kosten für Behandlungen seien, ließe sich noch nicht beziffern, da noch nicht alle Abrechnungen vorliegen.

„Auch heute noch erreichen uns  immer wieder Anrufe und E-Mails von Betroffenen, die sich zum ersten Mal an uns wenden, weil sie merken, dass sie das Geschehene alleine nicht verarbeiten können oder es sie doch, oft auch körperlich, mehr belastet, als sie sich zunächst bewusst waren.“ Wie ein solches Erlebnis verarbeitet werde, hänge von der Persönlichkeit der einzelnen Betroffenen ab. „Nicht jeder oder jede, der oder die, die Amokfahrt miterlebt hat, ist unbedingt traumatisiert“, sagt die Sprecherin des Opferbeauftragten.

Die Opfer und die Hinterbliebenen seien im Vorfeld des Prozesses auf dessen Verlauf vorbereitet worden.  Der Opferbeauftragte  habe sich in Zusammenarbeit mit dem Landgericht Trier für „erträgliche Rahmenbedingungen“ während der Verhandlungstage für die Betroffenen eingesetzt, so die Sprecherin. „Für die psychosoziale Betreuung werden ein Mitarbeiter der Stiftung Katastrophen Nachsorge, Notfallseelsorger und eine zentrale Ansprechstelle der Polizei vor Ort tätig sein“, erklärt sie.

Ein wichtiges Thema bei den Betroffenen sei auch die Frage über die Gestaltung einer Gedenkstätte und eines Gedenktages. Beim jüngsten Treffen im Juni habe sich herauskristallisiert, dass die Angehörigen der Verstorbenen gerne ein dezentrales Gedenken an den Orten hätten, an denen es Opfer gegeben hat, sagt ein Sprecher der Stadt Trier auf Anfrage unserer Redaktion. „Wir möchten auf keinen Fall etwas vorgeben, sondern im Mittelpunkt steht das, was die Angehörigen der Opfer wollen.“ Wie genau mögliche Gedenkstellen aussehen sollen, sei noch nicht entschieden und werde eng mit den Angehörigen abgestimmt. „Derzeit werden Künstler gesucht, die die Gestaltung eines solchen Denkmals übernehmen könnten“, so der Sprecher der Stadtverwaltung.

Ähnliches gelte auch für die Gedenkfeier. Klar sei: „Es wird eine Gedenkfeier zum Jahrestag der Tat geben. Zeit, Ort und Ablauf sind in Vorbereitung. Auch dabei werden natürlich die Wünsche der Opfer-Angehörigen berücksichtigt.“

Auch bei der Frage, was mit den Spenden geschehen soll, die nach der Tat auf dem Konto der Stadt Trier eingegangen sind, stimme man sich mit den Angehörigen ab.

Der aktuelle Kontostand betrage  1 006 857,25 Euro. Die bereits ausgezahlten Sofort-Unterstützungen für  Hinterbliebenen-Familien (jeweils 10 000 Euro)  seien von den Spendengeldern bereits abgezogen. Nun gehe es darum, ob mit dem Geld eine Stiftung gegründet werden soll. Geplant sei eine Stiftung, erklärt der Stadt-Sprecher. Diese soll für eine gerechte Verteilung der Spendengelder sorgen. Das Geld stehe  Menschen, die durch die Amokfahrt traumatisiert oder schwer verletzt wurden sowie den Angehörigen der Opfer zur Verfügung. Bislang sei aber noch keine Einigkeit über die Stiftungsgründung unter den Betroffenen erzielt worden. Es werde daher weitere Gespräche geben. Im „engen Austausch“   unter anderem mit dem Finanzamt und dem Opferbeauftragten des Landes werde „mit Hochdruck“ daran gearbeitet, die Bedenken, Wünsche und Vorstellungen der Betroffenen in der Stiftungssatzung abzubilden, verspricht der Rathaus-Sprecher.