Prozess gegen Vater, der Tochter töten wollte geht in die Schlussrunde.

Justiz : Mordversuch aus Mitleid: „Ich war ein Teil von ihr“

Der Prozess gegen den Vater, der seine Tochter töten wollte, geht in die Schlussrunde. Der Staatsanwalt fordert acht Jahre Haft wegen versuchten Mordes. Heute soll vor dem Trierer Landgericht das Urteil fallen.

Es ist die zentrale Frage des Prozesses, die die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz an diesem Morgen stellt: Warum, wenn die Tochter tatsächlich den Wunsch hatte, nicht mehr weiterzuleben, sei er nicht mit der 35-Jährigen zur Sterbehilfe in die Schweiz oder in die Niederlande gefahren und hat sie stattdessen versucht, mit mehreren Messerstichen zu töten, fragt sie den 63-Jährigen. Ein solcher Schritt wäre doch, so Schmitz, für ihn mit einer geringeren Belastung verbunden gewesen als die Tat, die sich im Oktober in der Wohnung der Tochter in Trier ereignet haben soll.

Der Angeklagte holt, wie schon am ersten Prozesstag bei seiner Antwort weit aus, antwortet wortreich. Den Widerspruch, den die Richterin versucht zu klären, löst er trotzdem nicht auf. Er hätte es nicht übers Herz gebracht, seine schwerkranke Tochter, die an einem schlimmen Augenleiden und psychischen Erkrankungen leidet, irgendwo hinzubringen und sie tot wieder mitzunehmen. Für ihn sei immer klar gewesen, dass er nur zusammen mit seiner Tochter sterben wolle. „Ich habe keinen Ausweg für sie gesehen.“

Schon zu Beginn des Prozesses hat er die Tat zugegeben. Vater und Tochter haben das „Gemetzel“, wie Oberstaatsanwalt Eric Samel die Tat nennt, nur überlebt, weil die Tochter einen Überlebenswillen gehabt habe und auch nicht sterben wollte, als ihr Vater ihr mit zwei Schnitten fast die Kehle durchtrennt hat und ihr ein Küchenmesser in den Brustkorb gerammt hat. Sie hat sich nach der Tat, deren Brutalität ihresgleichen suche, wie Samel in seinem Plädoyer sagte, blutüberströmt und lebensgefährlich verletzt aus der Wohnung gerobbt und einen Nachbarn um Hilfe gebeten.

Damit hat sie wohl auch ihrem Vater, der die Tochter seit über zehn Jahren fast rund um die Uhr betreut hat, ebenfalls das Leben gerettet. Er hat sich nach der versuchten Tötung der Tochter ein Messer in den Bauch gestoßen.

Die Tochter, die in einem lebensbedrohlichen Zustand ins Krankenhaus gekommen ist, hat nur durch eine Notoperation überlebt.

Das Ganze sei keine Affekt-Tat gewesen, sagt der psychiatrische Gutachter Wolfgang Retz. Der Angeklagte, der bis zu einer Frühpensionierung als Beamter tätig war, dem der Gutachter eine psychische, aber nicht krankhafte Störung bescheinigt, habe vermutlich schon länger die Absicht gehabt, die Tochter zu töten. Auch der Staatsanwalt spricht von einer geplanten Tat. Dafür spreche, dass der 63-Jährige am Morgen davor Abschiedsbriefe an seine Frau und seinen Sohn geschrieben habe, Tage zuvor habe er sein Auto seinem Sohn überschrieben.

Der Angeklagte habe einen bedingungslosen Tötungsvorsatz an den Tag gelegt, seine Tochter unter einem Vorwand ins Bad gelockt und sie dann versucht, heimtückisch zu töten, sagt Samel. Dabei sei es ihm nicht darum gegangen, den vermeintlichen Wunsch der Tochter zu sterben, zu erfüllen. Es sei ihm vielmehr einzig darum gegangen, sich von der Last der jahrelangen, bis zur Selbstaufgabe gehenden Belastung durch die Betreuung der Tochter zu befreien. Die 35-Jährige habe nicht sterben wollen.

Daher habe sich der Angeklagte des versuchten Mordes schuldig gemacht. Acht Jahre Haft fordert der Staatsanwalt dafür. Laut psychiatrischem Gutachter ist der 63-Jährige voll schuldfähig.

Die Verteidigerin Martha Schwiering fordert in ihrem Plädoyer ein Urteil, das dem Angeklagten eine Perspektive lasse. Er habe zwölf Jahre lang „alles“ für seine Tochter getan und dabei seine eigenen Bedürfnisse hinten angestellt.

Die Tochter lässt ihrem Vater über die Nebenklagevertreterin mitteilen, dass sie Angst habe, dass er sich umbringe und fordere ihn auf, am Leben zu bleiben. Sie wolle irgendwann wieder mit ihm in Kontakt treten. Die 35-Jährige selbst nimmt nicht an der Verhandlung teil.

Bei den Worten fließen bei dem Angeklagten die Tränen. Bereits am Morgen hat er seine Tochter als „tolles Mädchen“ bezeichnet, auf das er „sehr stolz“ sei. „Ich war ein Teil von ihr“, sagt er dann im sogenannten „letzten Wort“. Bevor der Angeklagte in Handschellen aus dem Gerichtssaal geführt wird, gestattet die Richterin, dass er kurz mit seiner Frau und seinem Sohn reden darf. Die Frau streicht ihrem Mann über den Kopf, redet ihm Mut zu. Der Sohn sitzt heulend vor seinem Vater.

Heute soll das Urteil fallen.

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