| 06:33 Uhr

Medizin
Das tut jetzt mehr als ein bisschen weh

Kurz mal "Ah": Die Prümer Kinderärzte Matthias Stahl und Susanne Hoffmann mit einer kleinen Patientin.
Kurz mal "Ah": Die Prümer Kinderärzte Matthias Stahl und Susanne Hoffmann mit einer kleinen Patientin. FOTO: Fritz-Peter Linden
Prüm/Bitburg/Daun. Während die Eifeler Mediziner-Genossenschaft Medicus noch immer im Genehmigungsnirvana hängt, melden sich nun auch die Kinderärzte mit Kritik. Es geht um die Förderung von Studenten-Praktika: Davon nämlich sind sie ausgeschlossen. Von Fritz-Peter Linden
Fritz-Peter Linden

Eine Kinderärztin unterscheidet sich von der Allgemeinmedizinerin nur durch das Alter ihrer Patienten. Das ist es. Ansonsten: alles gleich.

Gleich – und fair: So wären auch die Doktoren aus der Praxis in Prüm, Susanne Hoffmann und Matthias Stahl, gern behandelt. Genauso wie Dominic Abdo in Bitburg. Oder Martina Holz in Daun. Und zwar von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

Kurz mal „Ah“: Die Prümer Kinderärzte Matthias Stahl und Susanne Hoffmann mit einer kleinen Patientin.
Kurz mal „Ah“: Die Prümer Kinderärzte Matthias Stahl und Susanne Hoffmann mit einer kleinen Patientin. FOTO: Fritz-Peter Linden

Die nämlich verabschiedete im Januar ein Förderprogramm, mit dem man die nötigen Praktika bei Hausärzten für Studenten attraktiver machen will – vor allem jenseits der Metropolen: Für alle, die ihre mindestens vierwöchige „Famulatur“ (vom Lateinischen „famulus“, Gehilfe) dort leisten, spendiert die KV 500 Euro pro Monat. Sie werden an die Praxis überwiesen, die das Geld dann den Famulanten gibt.

Für alle? Nicht ganz. Denn Kinderärzte erhalten für ihre Praktikanten – nichts. Warum? Das wollten die Prümer Mediziner vom Landes-KV-Vorstandsvorsitzenden Peter Heinz wissen und schrieben ihn deshalb an. Antwort: Die Förderung sei nur für Hausärzte vorgesehen und nicht für Kinderärzte – „aus formellen Gründen“.

Eine Begründung ist das nicht gerade. Warum man aus der Förderung gestrichen wurde – „wir haben es nicht herausgefunden“, sagt Matthias Stahl.

„Nichts gegen die Hausärzte“, ergänzt er. „Wir gönnen ihnen die Pauschale. Wir wollen nur nicht, dass die Kinderärzte vergessen werden.“

Von „ganz ähnlichen Erfahrungen“ spricht auch Dominic Abdo, der in Bitburg mit seinem Vater Asad Abdo und mit Tobias Stadtfeld eine gemeinsame Praxis für Kinder- und Jugendmedizin betreibt. Auf seine Anfrage an die KV zwecks Praktikumsförderung erhielt auch er die Antwort: „nicht förderfähig“. Er fordert deshalb ebenfalls „gleiche Voraussetzungen für alle“. Aber so sei das eben, sagt Matthias Stahl: Wann immer es um Pflichten gehe, werde man zu den Hausärzten gezählt. Bei positiven Dingen aber, wie den 500 Praktikanten-Euro, seltsamerweise nicht.

Die Ärzteförderung auf dem Land, sagt Kollegin Susanne Hoffmann, sei derzeit ja in aller Munde, da würden allerlei „Masterpläne“ und „Konzepte“ konstruiert. Aber: „Alles heiße Luft.“

Die KV habe auch den Widerspruch der Prümer Doktoren gegen die Förderregelung abgeschmettert. „Unfassbar“, findet das die 37-Jährige. Und „ein Unding, wenn man bedenkt, dass für die Attraktivität einer ländlichen Gemeinde nicht nur die Anzahl der Altersheime, sondern auch die kinderärztliche Betreuung im Hinblick auf junge Familien und deren Zukunft von großer Bedeutung ist“.

Zumal die Zeit auch in Prüm drängt. Kollege Stahl, gerade 60 geworden, nimmt langsam den Ruhestand in den Blick – wie so viele Ärzte auf dem Land. Und selbst wenn der berufliche Feierabend noch weit weg ist: Die jüngeren Kollegen, sagt Stahl, „werden auch darunter leiden, wenn die älteren Ärzte weg sind“.

Die Prümer schauen sich unterdessen nach Nachfolgern um, auch unter Praktikanten: Soeben habe Isabel Leuwer aus Bleialf in der Praxis ihre Famulatur absolviert. Eine mögliche Kandidatin für den späteren Einstieg, zumal alles bestens gepasst habe. Nur eben ohne die KV-Euro.

Das Pikante: Im gleichen Gebäude betreiben Burkhard Zwerenz, Josef Schier und Marco Sifferath ihre Allgemeinpraxis. Und deren Praktikant habe sich auch mit Isabel Leuwer ausgetauscht. Und so erfuhr sie, dass der Studienkollege das Geld erhielt, sie aber nicht. Immerhin ließen sich die Kinderärzte nicht lumpen und überreichten ihr am Ende der vier Wochen ein Geschenk. „Und wir haben sie sehr nett behandelt“, sagt Stahl und lacht.

Tatsächlich seien die 500 Euro gar nicht der springende Punkt, sagt er. „Es geht bei der Sache mehr um die Wertschätzung. Vor allem, wenn man Leute aufs Land schicken will.“

Mit eigenem Geld bezahlte die Dauner Kollegin Martina Holz ihre jüngste Famulantin. Die Kandidatin davor war abgesprungen: Sie hatte die Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde per Mail kontaktiert und gefragt, „ob es möglich sei die Unterstützung zu beantragen“, erzählt Martina Holz. „Ich hab dann gesagt: Ja, machen Sie.“ Ergebnis: Die KV sagte nein. Und die Studentin suchte sich eine andere Stelle, weil sie auf das Geld angewiesen war. Versteht Martina Holz die Haltung der KV? Antwort: „Nö.“ Und wie man so die Nachfolge von Kinderärzten hinbekommen soll, weiß sie auch nicht: Denn das gehe nur, indem man angehende Kolleginnen ins Praktikum bekomme „und wenn man sie früh einbindet“.

Die Konsequenz aus all dem Hader: Zwar werde man, sagt Stahl, selbstverständlich weiter ausbilden. „Aber wir fühlen uns zunehmend von der KV allein gelassen.“ Also machen die beiden den Vorschlag, dass sich Städte, der Kreis oder das Land dafür einsetzen, den Studenten ein Praktikum schmackhaft zu machen. Und sei es, sozusagen wörtlich, indem sie den angehenden Medizinern für die Zeit ihrer Famulatur Essensgutscheine ausstellen: „Damit sie sich nicht mittags ein Brot schmieren müssen“, sagt Susanne Hoffmann.

Dass die KV ihre Förderrichtlinie noch modifiziert, erwarten die beiden derweil nicht: „Bis die das geändert haben“, sagt Matthias Stahl, „bin ich wahrscheinlich eh nicht mehr da.“

Der TV hat die Kassenärztliche Vereinigung um Stellungnahme gebeten. Die Antwort steht noch aus, ist aber für voraussichtlich Mittwoch angekündigt.