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Belgischer Reaktor: Was tun beim Störfall?

Prüm. Alle reden immer von Cattenom, kaum jemand aber vom belgischen Tihange: SPD und Grüne in der Verbandsgemeinde (VG) Prüm wollen das ändern und den Blick auf das mehr als 30 Jahre alte - und vielen Eifelorten nähere - Atomkraftwerk lenken. Fritz-Peter Linden

Prüm. Da haben sie sich, trotz ansonsten friedlicher Adventsstimmung, dann doch ein wenig gezankt im Prümer Verbandsgemeinderat: Als SPD-Fraktionsfrau Barbara Hiltawski vorige Woche fragte, wie es denn um den Katastrophenschutz bei einem Störfall im südlich von Lüttich gelegenen Atomkraftwerk Tihange stehe, reagierte Bürgermeister Aloysius Söhngen zunächst extrem knapp: "Wir sind nicht zuständig."
Der Adressat für solche Fragen sei die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier. "Die macht die Katastrophenschutzpläne." Und ein solcher Plan befinde sich zurzeit im Entwurfsstadium. Die Einsatzleitung habe ohnehin in einem solchen Fall ADD-Präsidentin Dagmar Barzen. Die Verbandsgemeinde, ergänzte Söhngen, sei lediglich für die Verteilung von Jodtabletten an Schwangere und Jugendliche zuständig, alles andere werde von Trier aus angeordnet.
Das Kraftwerk ist knapp 70 Kilometer Luftlinie - und die wäre bei einem Störfall ausschlaggebend - von Winterspelt entfernt (siehe Grafik). Nach Prüm sind es rund 90 Kilometer. Damit ist Tihange deutlich näher an den Orten der Verbandsgemdeinde (VG)als die Reaktoren im französischen Cattenom.
Daher findet auch Regino Esch (Bündnis 90/Die Grünen) die Antwort des Bürgermeisters etwas spärlich - und hätte sie sich zudem gern schriftlich gewünscht. Söhngens Replik: "Über das, worüber ich nicht zuständig bin, kann ich Ihnen keine Auskunft geben." Davon abgesehen, ergänzt die Prümer CDU-Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy, stehe ja jedem frei, die ADD selbst zu fragen.
Das Thema der "Nichtzuständigkeit" kenne man doch schon aus Japan und der Reaktorkatastrophe in Fukushima, findet Bernd Weinbrenner, ebenfalls SPD: "Da waren die Dinge auch nicht geregelt." Deshalb müsse man der ADD sagen, sie solle voranmachen. "Ich erwarte schon, dass wir hier tätig werden." Das will Söhngen aber nicht - eine entsprechende neue Anfrage aus seiner Verwaltung soll es deshalb auch nicht geben. Sobald man aber mehr aus Trier erfahre, "werden wir selbstverständlich berichten".
Die drei Reaktoren in Tihange sollen nach einem Beschluss der belgischen Regierung im Jahr 2015 nach dann 40 Jahren Dienst vom Netz genommen werden. Auch dort sind bereits Störfälle aufgetreten, auch wenn nicht so viele bekanntwurden wie im französischen Kraftwerk.
Abwegig sind die Sorgen aus der Eifel bezüglich einer Katastrophe nicht: Die Kölnische Rundschau berichtete Anfang November von der Simulation eines großen Atomunfalls, vorgenommen von der Wiener Universität für Bodenkultur. Das Ergebnis: Sollte in Tihange, wie bei den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima, das radioaktive Isotop Caesium 137 austreten, dann würden bei entsprechenden Wetterbedingungen Städte, Dörfer und Landstriche im Norden der Eifel, aber auch Prüm und Umgebung zum "langfristig unbewohnbaren Gebiet".
Neuer Plan im Entwurfsstadium


Tatsächlich, sagt ADD-Sprecherin Eveline Dziendziol, habe die Behörde den Entwurf eines aktualisierten Plans für Störfälle in den Kraftwerken Biblis, Philippsburg, Neckarwestheim, Cattenom und eben Tihange im Mai an die Kreisverwaltungen geschickt. Sobald daraus ein feststehender Plan geworden sei, würden die Behörden informiert.
Die Neuerungen im Plan gingen allerdings nicht auf das Unglück von Fukushima zurück, sagt Eveline Dziendziol: "Das war schon 2008 in der Debatte."
Eine Änderung ist die für einen Katastrophenfall modifizierte Einteilung sogenannter Planungszonen. Neben der Zentralzone unmittelbar um einen Reaktor und den weiter außerhalb gelegenen Mittel- und Außenzonen gibt es nun eine vierte, die sogenannte Fernzone. Diese befinde sich im Abstand von 25 bis 100 Kilometern rund um den betroffenen Reaktor.
Damit umfasst sie im Fall von Tihange auch die westlichen Gebiete der Eifel - und dort würden dann auch Jodtabletten ausgegeben.