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Das Dampfross bringt viele Vorteile

Neues Bauwerk: Eine Aufnahme aus dem Jahr 1912 zeigt die Eisenbahnbrücke in Stadtkyll. Foto: Archiv/Alois Mayer
Neues Bauwerk: Eine Aufnahme aus dem Jahr 1912 zeigt die Eisenbahnbrücke in Stadtkyll. Foto: Archiv/Alois Mayer
Prüm. Große Freude bei den Bewohnern der Vulkaneifeldörfer: Vor genau 100 Jahren ist die Eisenbahnstrecke von Daun nach Wittlich eingeweiht worden. In einem Brief hatte sich der Dauner Landrat beschwert, der soziale und wirtschaftliche Not leidende Kreis müsse dringend an die Eisenbahn angebunden werden. Alois Mayer

Prüm. Während sich zum Beispiel im Mittelrheintal viele Anwohner über oft unerträglichen Lärm der Eisenbahn beschweren, so kann dies von der Eifel und dem Vulkaneifelkreis wohl nicht gesagt werden. Einfach, weil es dort erheblich weniger Schienenverkehr gibt und zum anderen, weil mittlerweile bereits mehrere Strecken stillgelegt wurden.
Die Freude war damals groß, als die vom nationalen und internationalen Verkehr so gut wie abgeschnittene Eifel einen Eisenbahnanschluss bekam. Dies geschah im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands sehr spät. Erst wenige Jahre vor der Jahrhundertwende zu 1900 kam endlich die Eisenbahn. Dies geschah damals weniger aus touristischen oder wirtschaftlichen Gründen, sondern eher aus militärischen Gesichtspunkten. Möglichst rasch sollten Material und Soldaten an Deutschlands Westgrenze oder an den Truppenübungsplatz Elsenborn gelangen. 1870/71 wurden die Eifel und die Landkreise Vulkaneifel und Bitburg-Prüm in Nord-Süd-Richtung durch die Strecke Köln-Trier durchzogen. Wichtiger und bedeutender Bahnhof und Knotenpunkt wurde Gerolstein. Es folgten dann die Nebenbahnen Gerolstein-Prüm (1883) und noch viel später, 1895, die Bahnstrecke Daun-Mayen.
DORF GESCHICHTEN


Die Menschen in der einsamen und abgelegenen Eifel waren glücklich, auch wenn es oft zäher Verhandlungen und gerichtlicher Enteignungen bedurfte, um Bauern zur Abgabe von Ländereien für die Eisenbahntrassen zu bewegen.
Durch die Bahn konnten schneller und preiswerter Güter aus der Eifel und in die Eifel transportiert werden. Handelswege verkürzten sich, Gäste und "Fremde" lernten bisher unbekannte Eifelsehenswürdigkeiten kennen und schätzen. So gelangten einige Dörfer und Städte zu etwas Wohlstand.
Viele weitere Gemeinden wollten ebenfalls teilhaben an den Vorteilen des "Dampfrosses". Sie richteten Anträge und Bittgesuche an zuständige Regierungen, sogar bis hin ans deutsche Kaiserhaus. Der Dauner Landrat fügte seiner Petition ein Begleitschreiben bei, in dem er auf die seit einem Jahrzehnt im Kreise Daun herrschende soziale und wirtschaftliche Not hinwies. Daun könne diese mit eigenen finanziellen Mitteln nicht mehr abwenden. Deshalb sei eine Erschließung des Dauner Raumes durch die Eisenbahn zwingend notwendig.
Neue Querverbindung


Um weitere, abgelegene Teile der Eifel zu erschließen, entstand ab 1909/10 von Daun aus eine Querverbindung zur Moselhauptstrecke in Wengerohr, heute Hauptbahnhof Wittlich genannt.
Und genau vor 100 Jahren, im Jahre 1912, wurden die letzten Teilstrecken in Betrieb genommen, die den Vulkaneifelkreis durchquerten: die Strecke Jünkerath - Stadtkyll - Hallschlag - Losheim; Lissendorf - Hillesheim - Dümpelfeld und Gerolstein - Pelm - Hillesheim. Über die Feierlichkeiten zur Eröffnung der Strecke am 20. Juni 1912 berichtete die "Kölnische Zeitung": "An all den neuen Bahnhöfen wurde der Sonderzug mit den geladenen Gästen durch die zahlreich versammelte Bevölkerung und durch einheimische Musikkapellen feierlich begrüßt."
Kritische Anmerkungen


Aber es gab auch kritische Anmerkungen, wie zum Beispiel von Pfarrer Loeffelsend aus Reetz: "Aus aller Herren Länder strömten die Arbeiter zusammen - vom Balkan und aus Italien, aus Holland, Frankreich und vom Norden und Süden des eigenen deutschen Vaterlandes. Viele tausende fremde Bahnarbeiter waren beschäftigt.
In kleinen Dörfern wohnten monatelang über 100 Holländer, Kroaten und Italiener. Raue Menschen, gute Menschen, harte Arbeit, viel Verdienst, viele Spargroschen für die Angehörigen in der fernen Heimat, viel Durst, manche Unglücksfälle, manche Ungebührlichkeiten, manche Exzesse."
Ingenieur Hans Mohr relativierte dies 1912 in Jünkerath: "Überhaupt hat sich wieder der alte Erfahrungssatz bestätigt, dass mit den auswärtigen Arbeitern ganz gut auszukommen ist, wenn die Einheimischen sie nicht als Menschen zweiter Klasse betrachten und behandeln.
Es sind sehr viele ehrenwerte Leute darunter, die weite Reisen von ihrer Heimat unternehmen, um sich und ihren Angehörigen einen besseren Unterhalt zu verdienen, als es die heimatlichen Verhältnisse gestatten."Extra

Auf der Bahnstrecke Gerolstein - Prüm ist der Verkehr im Juni 2001 eingestellt worden. Auf einem Teil der Strecke fuhr zwischen 2006 und 2007 ein Schienenbus. Seitdem wird die Strecke nicht mehr befahren, die weitere Nutzung ist ungewiss. Seit 1998 fahren auf dem Abschnitt Daun - Mayen keine Züge mehr. Der Schienenabschnitt wird seit 2000 in den Sommermonaten für einen Schienenbus, die Eifelquerbahn, genutzt. Zusätzlich fährt in den Sommerferien mittwochs eine Dampflok mit historischem Personenwagen. Die Reaktivierung des Personenverkehrs ab dem Jahr 2014 ist beschlossen. Aus finanziellen Gründen ist aber unklar, ob und wann das Vorhaben realisiert wird. Der Abschnitt Daun - Wittlich ist 1988 stillgelegt worden. Mittlerweile ist er komplett zurückgebaut. Auf der Trasse verläuft der Maare-Mosel-Radweg. Auch auf der Strecke Lissendorf - Dümpelfeld, die im Juni 1973 für den Personenverkehr geschlossen wurde, befindet sich nun auf Teilen ein Radweg, der Ahr-Radweg. Nachdem der Verkehr zwischen Losheim - Jünkerath im Oktober 1981 zunächst eingestellt wurde, fungierte der Abschnitt von 1986 bis 1993 als Nato-Zubringer zum Truppenübungsplatz Elsenborn, später fuhren auf der Strecke Güterzüge. Seit Juni 2003 liegen die Gleise still. Die Linie Gerolstein - Hillesheim wurde nach ihrer Zerstörung 1945 nicht wieder aufgebaut. Die Bahnhöfe der beiden Stationen stehen heute unter Denkmalschutz. bah/gna