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Schule
Ein Tag der starken Haltungsnoten

Europatag am Regino-Gymnasium, da zeigen sie alle Flagge: Vertreter der Schülerverwaltung mit ihrem Transparent zur Feier des Tages.
Europatag am Regino-Gymnasium, da zeigen sie alle Flagge: Vertreter der Schülerverwaltung mit ihrem Transparent zur Feier des Tages. FOTO: Fritz-Peter Linden
Prüm. Gute Schüler-Ideen und ein so spannender wie augenöffnender Historiker-Vortrag: Das Regino-Gymnasium Prüm und der Europatag.
Fritz-Peter Linden

„Das wird richtig gut hier“, sagt ein sonnig gestimmter Albrecht Petri, Direktor des Regino-Gymnasiums Prüm. Und ja, auch ein Chef kann mal recht haben: Es wird ein guter „Europatag am Regino“, und das liegt auch daran, dass die Schüler das Programm bestimmen.

Es richtet sich an ihre Kameraden aus den Jahrgangsstufen neun bis zwölf. Und so empfängt die rund 300 Jugendlichen auf dem Schulhof nicht nur die knallende Maisonne, sondern auch ein Parcours mit großen Plakaten: Auf denen haben die Schüler Zitate zum Thema aufgeschrieben. Ablehnende, befürwortende, nüchterne, emotionale. Die Aufgabe: Such dir das Zitat, das deine Sicht auf Europa am besten repräsentiert. Und dann stell dich dazu.

Eines stammt von Oberstuflerin Anne-Ly Redlich: „Europa zeigt für mich immer wieder, wie mächtigere und wirtschaftsstärkere Staaten sich Vorteile gegenüber schwächeren verschaffen – und das nennt man dann Union.“ Ein Beispiel sei Griechenland: Ohne den Euro, der alle zusammenzwinge, wäre das Land besser durch seine Krise gekommen, sagt sie, weil man dann die Drachme hätte abwerten können. Eine Position, die auch andere Schüler mit ihr teilen. Die meisten aber stehen woanders. „Gewinner“ ist Ur-Bundeskanzler Konrad Adenauer: „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.“

Kein Wunder, dass Ehrengast Patrick Schnieder, der Eifeler CDU-Bundestagsabgeordnete, den Spruch prima findet. „Aber nicht aus parteipolitischen Gründen!“ Später wird er den Schülern darlegen, in welcher Zeit Adenauer das sagte: Als nämlich der Zweite Weltkrieg noch nicht lange vorbei war und die Erinnerung daran noch stark. Europa ist nicht nur ein Wirtschaftsraum, sondern auch ein Friedensprojekt.

Das Adenauer-Zitat, sagt Fenja Jost (18) aus Niederkyll, fasse für sie Europa am besten zusammen und biete jedem die Möglichkeit, „hinein zu interpretieren, was er in der EU sieht“.

Für Fenja ist sie „eine Chance für viele Länder. Und sie bringt für jedes Land Vorteile.“ Allerdings auch Verpflichtungen. Dass es Staaten gibt, deren Regierungsvertreter ihre Mitgliedschaft allein über die Vorteile in Form von Zuschüssen interpretieren und mit dem Rest – Demokratie, Flüchtlinge aufnehmen – wenig am Hut haben, machen die Schüler ebenfalls deutlich: Sechs von ihnen stellen sich als „Länder“ vor, und sie rekapitulieren deren jeweilige EU-Historie, in der auch die Konflikte nicht ausgespart werden.

Zurück zu den Zitat-Plakaten: Philosoph Jürgen Habermas ist auch dabei mit seinen Gedanken über die demokratische Legitimation der EU, die einerseits „eine supranationale Organisation ohne eigene Verfassung“ sei, also kein Staat, gleichzeitig mit ihren Organen aber Recht schaffe, „das die Mitgliedsstaaten bindet. Daraus ergibt sich das oft beklagte demokratische Defizit.“

Zwei einsame Tapfere haben sich dazugestellt. Einer ist Jonas Lachmann (18) aus Stadtkyll. Warum Habermas? Er grinst: Die Stütze der Stellwand, sagt er, „war abgefallen“. Und hätte er nicht diesen – ja irgendwie auch sehr europäischen – Akt der Stabilisierung vorgenommen, wäre er zum Zitat von Ex-Außenminister Klaus Kinkel (FDP) gegangen: „Europa wächst nicht aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger oder gar nicht.“ Findet auch Jonas: „Wenn man nicht mit Herzblut dabei ist, dann kann es auch mit 1000 Verträgen nicht funktionieren.“

Da passen die Worte der Ehrengäste bestens hinein: „Wir sind in einer Zeit, in der es wichtiger ist denn je, Europa zu leben“, sagt Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy. Aloysius Söhngen, Chef der Verbandsgemeinde, sieht es genauso: Europa, das sei viel mehr als Bürokratie, als Regierungen „oder sonst etwas. Es geht darum, ob wir letztlich eine Zukunft haben oder nicht.“

Die sieht Jan Herbst, der Vorsitzende der Regino-Ehemaligen, ebenfalls gefährdet: Europa sei gewiss nicht perfekt. Aber der „kleinen, lauten Gruppe der Populisten“ müsse man „eine große, laute Gruppe“ der Befürworter entgegensetzen.

Da konnte sich der Schulchef kurz fassen: „Normalerweise“, hatte Albrecht Petri anfangs gesagt, „spreche ich nie unter einer halben Stunde, wenn’s um Europa geht.“ Nicht nötig an diesem Tag. Der noch ein fabelhaftes Finale liefert: mit dem immens aufschlussreichen Vortrag von Stefan Weinfurter, Petris früherem Geschichtsprofessor, der sich mit Karl dem Großen befasst – dem „Vater Europas“ und dessen Ziel, sein Riesenreich beieinanderzuhalten. Durch Bildung. Und das stete Streben, dabei die Wahrheit zu ergründen, mithilfe der Vernunft. Beide sind derzeit gefährdet. So aktuell kann der Blick ins Vergangene sein.

Europatag am Regino-Gymnasium: Die Schüler bestimmen das Programm.
Europatag am Regino-Gymnasium: Die Schüler bestimmen das Programm. FOTO: Fritz-Peter Linden
Europatag am Regino-Gymnasium: Die Schüler bestimmen das Programm.
Europatag am Regino-Gymnasium: Die Schüler bestimmen das Programm. FOTO: Fritz-Peter Linden
Europatag am Regino-Gymnasium: Auf dem Schulhof ist was los.
Europatag am Regino-Gymnasium: Auf dem Schulhof ist was los. FOTO: Fritz-Peter Linden
Europatag am Regino-Gymnasium: 300 Schüler aus Mittel- und Oberstufe sind dabei.
Europatag am Regino-Gymnasium: 300 Schüler aus Mittel- und Oberstufe sind dabei. FOTO: Fritz-Peter Linden
Historiker Stefan Weinfurter.
Historiker Stefan Weinfurter. FOTO: Fritz-Peter Linden
Karl der Große und seine Bildungsoffensive: 200 Besucher im Fürstensaal des Regino-Gymnasiums hören Stefan Weinfurter zu.
Karl der Große und seine Bildungsoffensive: 200 Besucher im Fürstensaal des Regino-Gymnasiums hören Stefan Weinfurter zu. FOTO: Fritz-Peter Linden